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Alle reden nur vom Wetter. Pierre-Auguste Renoirs ‚Regenschirme‘ macht eine Ausnahme.

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er Künstler ist nicht gerade für seine formalen Experimente berühmt. Pierre-Auguste Renoirs Gemälde sind für gewöhnlich sorgfältig komponiert, das Motiv mit Bedacht gewählt und der Bildaufbau ausgewogen. Renoirs ‚Regenschirme‘ macht hier nur auf den ersten Blick eine Ausnahme. Beinahe glaubt man, einen Schnappschuss der gerade jungen Fotographie vor Augen zu haben: Der Gegenstand — ein Boulevard an einem Regentag — ist nicht gerade ein klassisches Sujet, auch hat das Bild keine eigentliche Mitte und statt einer Hauptfigur oder zentralen Gruppe lediglich mehrere Randfiguren. Und doch gelingt es Renoir durch eine ganze Reihe subtiler Akzente, dem Bild eine atmosphärische Dichte zu verleihen, deren Wirkung das scheinbar Beiläufige des Bildaufbaus rasch als charmante Attitüde bloßstellt.

pierre-auguste-renoir-regenschirme Da ist zunächst einmal der bezaubernde, dunkel schimmernde Farbton der Schirme, in dem die obere Bildhälfte schwelgt: Er entsteht, indem sich das Blau des gespiegelten Himmels mit dem nassen Schwarz der Schirmbespannung vermischt. Dieses Miteinander von Schwarz und leuchtendem Dunkelblau findet sich in der rechten Bildmitte auch in den Kleidern der Frauen aufgegriffen. Nicht nur von ihrer faszinierenden Farbwirkung her, auch in ihrer räumlichen Anordnung lassen die titelgebenden Regenschirme den eigentlich tristen Anlass ihres Gebrauchs hinter sich: In einem sich gegenseitig übersteigenden Tumult bilden sie ein fröhlich bewegtes Dach, das von den unter ihm gehenden Menschen beinahe unabhängig zu bestehen scheint.

Ebenfalls alles andere als zufällig ist die Vollständigkeit, in der Renoirs ‚Regenschirme‘ die verschiedenen typischen, an einem Regentag in der Stadt anzutreffenden Haltungen und Gesten der Passanten durchspielt: Der starr vor sich gehaltene Schirm ist ebenso anzutreffen wie ein anmutig auf der Schulter einer Dame ruhender; am rechten Bildrand vollführt ein Schirm mit seinem wohlbeleibten Träger einen grotesk-humorvoll ausweichenden Hüpfer, in der Bildmitte hat eine junge Frau ihren Schirm halb aufgespannt und schaut prüfend zum Himmel. Links greift Renoir die feine Bezogenheit auf, die sich aus dem Halten eines Schirms über eine andere Person ergibt: Der Mann mit Bart schaut die junge Frau mit Korb nicht einmal an, und doch ergibt sich aus der Geste ein vertrautes, harmonisches Miteinander.

Inmitten dieses prächtigen Durcheinanders aus Chaos und Normalität, die ein Regentag über die Stadt bringt, sticht in Renoirs ‚Regenschirmen‘ eine Reaktion auf die unbotmäßige Wetterlage besonders hervor: nämlich schlichte Unbetroffenheit. Am rechten unteren Bildrand schaut ein kleines Mädchen mit freundlicher Zuversicht den Betrachter an, Stock und Reif in der Hand wartet sie geduldig darauf, ihr Spiel fortsetzen zu können. Auch der leuchtendrote Schopf ihrer älteren Begleiterin setzt einen optimistischen Akzent: Regen ist Wasser von oben. Der Rest ist Einstellungssache.

Eines jedenfalls macht dieses Gemälde klar: Das menschliche Spiel aus Fremdheit und Nähe, aus Alltag und Freude wird durch einen Regentag nicht unterbrochen. Es erhält neue Requisiten, doch es ist das alte Spiel — man muss sich nur darauf einlassen. Ein Regentag ist nicht grau und trist für den, der Augen hat, seine Schönheit zu sehen. Renoirs ‚Regenschirme‘ bringt diese Schönheit zum Leuchten.

Aldus



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