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Der Charme des Unverbindlichen. Pierre-Auguste Renoirs ‚Frühstück der Ruderer‘ fragt nach den Voraussetzungen des Sozialen.

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er süßliche Farbduft seiner Gemälde sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Pierre-Auguste Renoir war ein Beobachter von stupender Aufmerksamkeit, dessen Blick tief unter die von ihm so unnachahmlich berückend gestaltete Oberfläche drang. Auch Renoirs ‚Frühstück der Ruderer‘ beeindruckt zunächst einmal vor allem durch eine perfekte Technik: Das Stillleben auf dem vorderen Tisch erscheint in den Früchten und vor allem den Gläsern unmittelbar überzeugend und lebensecht, der Ausblick auf den Fluss ist glaubwürdig und stimmig, ebenso die dargestellten Menschen in ihren unterschiedlichsten Posen. Flecken von Sonnenlicht und die leichte Bewegung der Markise machen die warme Atmosphäre des Sommertags unmittelbar erlebbar. Doch auf den zweiten Blick verbirgt sich hinter dieser meisterhaften Oberfläche impressionistisch weicher Pastelltöne eine Studie von höchster Komplexität.

renoir-fruehstueck-der-ruderer Renoirs ‚Frühstück der Ruderer‘ zeigt das zwanglose Beisammensein der Sportler mit einigen Freunden. Und fasziniert bei näherem Hinsehen durch die immense Vielfalt, die es diesem nur scheinbar banalen Anlass abgewinnt. Verschiedenste Formen der zwischenmenschlichen Interaktion sind hier zu finden: konzentrierte Aufmerksamkeit und freundliches Zuwenden ebenso wie teilnahmsloses Starren und bewusste Verweigerung, schließlich auch dezidiertes, wenn auch nicht unhöfliches Ausklinken aus aller Kommunikation, wie es die beiden Ruderer mit ihren Strohhüten im Vordergrund signalisieren. Eine Deutung sollte bei Renoirs ‚Frühstück der Ruderer‘ den Zeithintergrund nicht ausblenden: Ein derart unverbindliches, formloses Beisammensein war Ende des 19. Jahrhunderts in der Öffentlichkeit jedenfalls der besseren Kreise eher die Ausnahme als die Regel. Und so entfaltet das ‚Frühstück der Ruderer‘ nicht weniger als den Charme einer sozialen Utopie: Männer und Frauen unterschiedlicher Schichten von Stroh- bis Zylinderhut eingeladen zum Zwischenmenschlichen — unter der schützenden Markise der Unverbindlichkeit. Denn diese Gewissheit vermittelt Renoirs ‚Frühstück der Ruderer‘: Nicht das Korsett starrer Konventionen bringt das Soziale in all seiner Vielfalt zur Blüte, sondern das Versprechen eines erleichternden Maßes an Folgenlosigkeit. Bei aller Anmut, die auch sie entfalten können — eines muss man Umgangsformen vorwerfen: Dass sie das menschliche Miteinander unnötig vereinfachen.

-aldus



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