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Der dunkle Drang zum Licht. Philipp Otto Runges ‚Morgen‘ weiß, was die Schöpfung verbindet.

Philipp Otto Runge: Morgen E

in Tag, dessen Entstehen man mit eigenen Augen gesehen hat, kann nur ein besonderer Tag werden. Die Zeit zwischen dem ersten Verblassen der Sterne und dem nicht anders als dramatisch zu nennenden Augenblick, wenn die Sonne erstmals über dem Horizont auftaucht, macht erst deutlich, was jeder einzelne Tag letztlich ist: ein Geschenk. In zwei Gemälden hat Philipp Otto Runge versucht, diesen Zauber des frühen Morgens auf die Leinwand zu bannen. Die erste Fassung, auch ‚Der kleine Morgen‘ genannt, entstand im Jahr 1808, die zweite, ‚Der große Morgen‘, ein Jahr später; dieses Gemälde ist nur in Fragmenten erhalten, die in den 1930er Jahren in der jetzigen Form zusammengestellt wurden.

Beide Versionen von Runges ‚Morgen‘ orientieren ihr Geschehen um den Auftritt Auroras, der römischen Göttin der Morgenröte, die gerade den ersten Fuß auf den Horizont setzt. Umgeben ist sie jeweils von Genien, deren Tun die Auswirkungen des Moments versinnbildlichen: Sie streuen Blüten aus, künden mit ihren Musikinstrumenten vom neuen Tag und verehren am unteren Bildrand dessen Symbol — ein Neugeborenes.

Philipp Otto Runge: Morgen Geschickt versteht es Runges ‚Morgen‘, die Dynamik des Geschehens auch im statischen Medium des Bildes zu transportieren: Vom Auftritt der Aurora gehen in beiden Fassungen des Gemäldes Blätter einer Lilie aus, die das Wachstum des Tages sichtbar machen sollen, die Bewegung der Genien geht aus den Blättern hervor beziehungsweise setzt auf ihnen auf. Gekrönt wird diese beinahe das ganze Bild umfassende Bewegung vom Morgenstern, der in beiden Fällen von einem Kreis aus Genien umgeben wird, die ihn zu schützen scheinen — den Glutfunken, der das Feuer des Tages ins Leben ruft.

Gerahmt wird Runges ‚Morgen‘ in der ersten Fassung von Genien, die das Geschehen des Tagesanbruchs zu einem universellen Schöpfungsprinzip stilisieren: Sie schieben dunkle Wolken vom Licht weg, sitzen inmitten der Wurzeln der Pflanzen und erheben noch in deren Blüten sitzend die Hände empor. Es ist alles eine Kraft in dem, das nicht pechschwarze Nacht ist, und alles dieses lebendig Wachsende steht miteinander in Verbindung. Wie ein Neugeborenes weiß diese Kraft nichts von Ziel und Zweck, nichts von Gut und Böse oder Richtig und Falsch, all diese Dinge hat erst der Mensch auf die Erde gebracht. Aber auch er ist ein Kind des Morgensterns.

-aldus



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