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Bevor die Technik ihre Unschuld verlor. Claude Monets ‚Bahnhof Saint-Lazare‘ kennt nur eine Art Wolken.

D

er Eintritt ins Dampfzeitalter hat die Welt verändert wie wohl kein anderer Epochenwechsel zuvor oder seitdem. Die plötzliche Verfügbarkeit beinahe unbegrenzter Mengen mechanischer Kraft hatte vielfältigste Auswirkungen: wirtschaftliche, gesellschaftliche, ökologische, politische und — dieser Aspekt gerät leicht ins Hintertreffen — auch ästhetische. Die Impressionisten widmeten sich dem Phänomen der neuen Technik mit größter Aufgeschlossenheit: In den 1870er und 80er Jahren wohnten viele Künstler in unmittelbarer Nähe des Pariser Gare St.-Lazare, in zahlreichen ihrer Gemälde haben sie dem Gebäude und der Faszination des frühen Bahnverkehrs ein Denkmal geschaffen. Am berühmtesten sind dabei sicher die Ansichten, die Claude Monet vom Bahnhof Saint-Lazare schuf.

claude-monet-bahnhof-saint-lazare-1 Im Januar 1877 mietete Monet ein Studio in der Nähe des Bahnhofs Saint-Lazare und malte nicht weniger als elf Ansichten des Motivs. Auf den ersten Blick wird dabei klar, dass es Monet nicht darum ging, sich der neuen Technik in detailverliebten Studien zu Füßen zu werfen, sondern von der selbstbewussten Warte des Künstlers aus ihre ästhetische Dimension zu erproben. Nieten und Bolzen, Kessel und Schubstangen wird man in Monets Gemälden vergeblich suchen. Seine Lokomotiven sind massige, unregelmäßige Formationen aus beinahe reinem Schwarz; statt ihrer Funktion interessiert sich Monet für Farbtöne, die sich aus Überlagerungen mit den von ihnen ausgestoßenen Dampfschwaden ergeben, oder für die Reflexe, die das Licht auf ihren stählernen Körpern erzeugt.

claude-monet-bahnhof-saint-lazare-2 Besondere Aufmerksamkeit schenkt Monet dem Mit- und Nebeneinander präziser technischer Strukturen und dem Ungefähr von Rauch- und Dampfschwaden. Besonders in der heute im Musée d’Orsay aufbewahrten Fassung hat sich der Künstler diesen intensiven Austausch zweier Formprinzipien zum Thema gemacht: Die Blickachse deckt sich fast exakt mit der Längsachse des Gebäudes, der Giebel der Bahnhofshalle tritt klar hervor, die gitterartige Eisenkonstruktion unterhalb des Dachs ist ebenfalls deutlich zu erkennen — und wird doch stellenweise vom Rauch der Lokomotive beinahe aufgelöst. Auch im Hintergrund sind Dampfschwaden zu erkennen, durch die direkte Sonneneinstrahlung von geradezu gleißendem Weiß, die sich an Struktur und Beschaffenheit der umgebenden Häuserblocks zu schaffen machen. Der Gesamteindruck ist somit wie auch in anderen von Monets Ansichten des Bahnhofs Saint-Lazare der einer Auflösung des Gegenständlichen im Farb- und Formenspiel des menschgemachten Gewölks.

claude-monet-bahnhof-saint-lazare-3 Die ungeheuren, von den Lokomotiven ausgehenden Schwaden von Dampf und Rauch sind für Monet keine Verschmutzung, sondern willkommene Möglichkeit, die komplexen Lichteffekte zu studieren, die sich im Zusammenspiel mit verschiedensten Arten von Tageslicht ergeben — vom reinweißen Leuchten unter freiem Himmel bis hin zum Dunkelgrau im Schatten der Halle. Immer wieder wird dabei klar, dass diese Dünste trotz ihrer technischen Herkunft in Monets Interpretation keinerlei andere ästhetische Qualität haben als Wetterwolken: Teilweise stehen die Dampfschwaden wie Schäfchenwolken unter dem Himmel der Bahnhofshalle, bei anderer Gelegenheit gehen sie — wie in der hier gezeigten Außenansicht — völlig nahtlos in die natürliche Bewölkung über.

Die Zeitgenossen feierten die Eisenbahn dafür, Entfernungen schrumpfen zu lassen, entlegenste Landstriche zu erschließen und den Menschen so schnell zu bewegen wie noch kein Verkehrsmittel vor ihr. Von alledem ist bei Monet nichts zu spüren; er will nichts wissen von Kilometern in der Stunde, von Pferdestärken, Streckenlängen oder eleganten Speisewagen. Er feiert die Eisenbahn dafür, die Wolken vom Himmel auf die Straßen von Paris geholt zu haben.

Aldus



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