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Der Mensch, sein Gehirn und sein Schöpfer. Michelangelos Erschaffung Adams lässt eine Lücke für unendliche Interpretationen.

„U

nd Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ So heißt es im ersten Buch Mose und jeder kennt den korrespondierenden Teil zur Erschaffung Adams in Michelangelos Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle: Auf der linken Seite liegt ein schlaffer, kraftloser Adam in einer stilisierten Hügellandschaft, den Arm matt ausgestreckt, während sich von rechts Gott Vater von Engeln und Putten umgeben nähert und sich anschickt, Adams Zeigefinger mit dem seinen zu berühren. Eine Aura von Kraft und Entschlossenheit geht dabei vom Schöpfergott aus, so dass die winzige Lücke zwischen Adams Finger und dem Gottes beinahe sichtbar von der Energie erfüllt ist, die sich im nächsten Augenblick auf Adam übertragen wird.

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Doch was füllt die berühmteste Lücke der Kunstgeschichte tatsächlich aus? Ist es wirklich nur die pure Lebensenergie, ein göttlicher Marschbefehl an die unbeseelte Materie? Nicht wenige Betrachter haben im elegant hingestreckten Körper Adams nicht Kraftlosigkeit, sondern Gelassenheit wahrnehmen wollen — und im energetischen Auftritt Gott Vaters etwas wie Bemühen, ja, ein Werben. Tatsächlich ist die Entdeckung des menschlichen Körpers in seiner nackten Schönheit in der Renaissance eine Erklärung dafür, dass in Michelangelos Erschaffung Adams das Geschöpf nicht als der Klumpen Lehm ausgebildet ist, der er in wörtlicher Auslegung des Alten Testaments eigentlich sein müsste. Das tatsächliche Bedürfnisgefälle sollte aber spätestens im geradezu sehnsuchtsvollen Blick Adams zu erkennen sein.

Doch Interpretationen wie diese zeigen, auf wie hintergründige Weise Michelangelos Erschaffung Adams sich der Frage nach der spannungsreichen Wechselbeziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf widmet — und auch ohne jede Interpretation wird man als Betrachter spüren, dass zwischen den beiden Fingern die Energie nicht nur in eine Richtung fließt. Möglicherweise hat Michelangelo in seinem Fresko auch zu grundsätzlicheren Fragen Stellung beziehen wollen. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts jedenfalls hat der Mediziner Frank Lynn Meshberger angemerkt, dass Engel und Umhänge um den Schöpfergott herum bis ins kleinste Detail dem Längsschnitt durch ein menschliches Gehirn entsprechen (es ist von Michelangelo bekannt, dass er Leichen sezierte, um die menschliche Anatomie zu studieren). Wollte der Künstler hier den biblischen Schöpfungsprozess dem des Erkennens im menschlichen Gehirn an die Seite stellen? Heißt Sehen, ein Bild wahrnehmen, nicht tatsächlich, dieses allererst schaffen? Und gälte das dann nicht auch für den ungegenständlichen Bereich des Wahrnehmens? Glauben, Sehen und Erschaffen wären dann eins. Aber hier mag unser postmodernes Gehirn mit seinem blinden metaphysischen Fleck uns einen Streich spielen.

-aldus



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