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Die textlose Wissenschaft. August Mackes ‚Dame in grüner Jacke‘ sagt mehr als tausend Worte.

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ieviel Wahrheit steckt in schierer Farbe? Die Perspektivlehre gibt klare mathematische Vorgaben für die Wiedergabe dreidimensionaler Objekte, doch welchen Gesetzmäßigkeiten unterliegt die Wiedergabe von Farbe? Und welchen Prinzipien gehorcht ihre Wirkung? Spätestens, seitdem die Malerei das Paradigma der Realitätstreue aufgegeben hat, beschäftigten sich Generationen von Malern mit dieser Frage, und wenn es auch immer wieder Vorstöße einer begrifflichen Ausarbeitung gab, so müssen doch die Antworten letztlich auf alle Theorie verzichten — nur in der Praxis zeigt sich, was vor dem Auge des Betrachters bestehen kann. Eine der grundlegenden Arbeiten dieser textlosen Wissenschaft ist August Mackes ‚Dame in grüner Jacke‘. Hier ist die Welt des Dinglichen fast vollständig auf ihre Farbwirkung reduziert. Macke verwendete der höheren Leuchtkraft wegen größtenteils reine Farben, wenn Farbflächen ineinander übergehen, dann ist die Zahl der Mischtöne begrenzt. Die Konturen sind zwar klar, doch wirken sie unkörperlich, die Dinge und Menschen haben keine Oberflächentextur und nur sehr geringe dreidimensionale Modellierung, die Dargestellten weisen nicht einmal Andeutungen von Gesichtern auf.

august-macke-dame-in-gruener-jacke Letztlich besteht Mackes ‚Dame in grüner Jacke‘ nur aus einer Anordnung von Flächen leuchtender Farben. Ein Experiment, das wahrlich hätte schiefgehen können: Wenn man die Versuchsanordnung liest, glaubt man schon die unausweichliche Banalität und Oberflächlichkeit des Ergebnisses vor Augen zu haben. Doch schon der erste Blick auf das Gemälde belehrt eines Besseren. Anders als manche Werke neuerer und auch älterer Künstler, die ihre Wirkung auf den Betrachter erst nach der Lektüre eines mehrseitigen Erklärungsschreibens entfalten können, leuchtet die wortlose Wahrheit von Mackes ‚Dame in grüner Jacke‘ unmittelbar ein. Die Farben sind von einer solch einfachen, beseelten Intensität, die Auffassung von Landschaft und Menschen so reduziert und doch aufrichtig, dass es den Betrachter betroffen macht: Wie oberflächlich wir Detailversessenen doch sind. Denn je mehr Wissen eine Wahrheit enthält, je mehr Details sie aufbringt, desto oberflächlicher muss sie notwendig sein. Mackes ‚Dame in grüner Jacke‘ dagegen sinkt geradewegs hinein ins Herz der Dinge und hält uns einen Sonnentag vor Augen, an dem die Welt sich so zeigt, wie Gott sie gemeint hat. Ein Gott, der nicht in Worten spricht, sondern in Farben.

-aldus



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