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Der Traum ohne Deutung. Johann Heinrich Füsslis ‚Nachtmahr‘ schickt den Schlafenden ins eigene Niemandsland.

I

n einer Zeit, die bestimmt war von der Rückbesinnung auf antike Werte und Maßstäbe, von Winckelmann auf dem Punkt gebracht im Ideal der „edlen Einfalt, stillen Größe“, einer Zeit, die zwischen Vernunft und Gefühl vermittelnd zum Begriff des „Wahren, Guten, Schönen“ (Goethes Epilog zu Schillers ‚Glocke‘) gelangen wollte, nimmt sich das Werk Johann Heinrich Füsslis mit seinem Interesse für die Abwege der menschlichen Seele, für Vision, Traum und Schrecken seltsam deplaziert aus.

johann-heinrich-fuessli-nachtmahr Füsslis ‚Nachtmahr‘ (auch ‚Alb‘ oder ‚Nachtalb‘ genannt) ist sicher das berühmteste Werk des Künstlers, die verschiedenen erhaltenen Versionen des Sujets zeigen, wie intensiv Füssli sich mit dem Thema beschäftigte. Die vielleicht beeindruckendste, formal und stilistisch jedenfalls eigenständigste Fassung ist die des Jahres 1781: Das Lager der Schlafenden wird hier zu einer grell ausgeleuchteten Bühne, auf der das Geschehen der Nacht seinen Lauf nimmt: In dramatischer Pose streckt sich die Frauengestalt über das Kopfende des Bettes hinaus, bis sich ihr Hals im Neunzig-Grad-Winkel zum Körper befindet. Der linke Arm hängt schlaff herab, der rechte fährt in einer verzweifelt anmutenden Geste ins Haar. Auf dem Bauch der Schlafenden sitzt plump, haarig und massiv die koboldähnliche Figur des Nachtmahrs, mit verschroben-nachdenklichem Blick den Betrachter fixierend. Nicht nur das Wesen auf ihrem Leib, auch das eigene Gewand scheint die Schlafende einzuengen, so dass sie trotz der überdehnten Haltung wie eine Gefesselte wirkt. Den Vorhang hinter dem Lager teilt etwas, das aussieht, wie der Kopf eines wahnsinnigen Pferdes: Die Mähne steht ihm zu Berge, seine Augen scheinen blind, trotzdem wirkt es, als wende es sich gerade auf einer gehetzten Flucht um.

Im Nebeneinander von schwer lastendem Kobold und dem Pferdewesen auf seiner blinden Flucht gelingt es Füsslis ‚Nachtmahr‘ auf eindrückliche Weise, die gleichzeitig rasende und bedrückende Last eines Alptraums vor Augen zu führen. Ein entsetzliches Geschehen nimmt seinen kopflosen, blinden Lauf, ohne dass der Träumende vom Fleck kommt, ohne dass ihm auch nur ein Millimeter Freiraum vergönnt ist.

Zu gern findet sich der Schlafende im Zuschauerraum des Traumtheaters ein, um sich von bunten, belanglosen Bildern der eigenen Phantasie unterhalten zu lassen. Doch Füsslis ‚Nachtmahr’ zerrt den Träumenden selbst auf die Bühne und liefert ihn Kräften des eigenen Selbst aus, mit denen er nicht allein sein möchte. Es ist nur ein dünner Vorhang, der die Vernunft vom Grauen trennt — Johann Heinrich Füssli war einer der ersten, die ihn etwas gelupft haben, bevor das 20. Jahrhundert ihn zur Seite riss.

Aldus



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