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Nach der Kultur ist vor der Kultur. Jean-Honoré Fragonards ‚Schaukel‘ und das Rohe der Überfeinerung.

I

n den Jahrhunderten seit dem Spätmittelalter hatte sich in Frankreich eine höfische Kultur herausgebildet, deren Eleganz, Überfeinerung und Raffinesse seitdem nie wieder erreicht wurden. Während der allergrößte Teil der Bevölkerung von harter landwirtschaftlicher und handwerklicher Arbeit leben musste und obendrein immer drückendere Steuerlasten zu tragen hatte, wusste sich die hauchdünne Schicht der Elite von Sorgen und Mühsal des Broterwerbs völlig zu entkoppeln. Vielerorts waren Mangel und Hunger an der Tagesordnung, doch die Aristokratie des Ancien Régime entfaltete in Kunst, Mode und Architektur eine Pracht, die dem Leiden des Volks geradezu Hohn sprach. Ihren Höhepunkt erreichte die grausame Schönheit des Ancien Régime im Rokoko, das wie kein Zweiter der Maler Jean-Honoré Fragonard auf die Leinwand bannte.

jean-honore-fragonard-schaukel So liefert Fragonards ‚Schaukel‘ in einem winzigen zeitlichen und räumlichen Ausschnitt nicht weniger als eine Gesamtschau der höfischen Welt des Rokoko. In einem offensichtlich jahrhundertealten Park vergnügt sich eine junge Frau auf einer Schaukel, der ihr Liebhaber — ein Priester — Schwung verleiht. Links hat sich ein weiterer Verehrer im Buschwerk versteckt und erhascht gerade einen Blick unter den Rock der Dame, der einen Ausdruck andächtiger Erleuchtung auf sein Gesicht zaubert. Die junge Frau auf der Schaukel scheint den Lauernden entdeckt zu haben, doch an ihr ist kein Erschrecken festzustellen, im Gegenteil: Übermütig schleudert sie ihren linken Schuh in die Luft und ermöglicht so dem heimlichen Verehrer erst den erleuchtenden Einblick. Die Statue eines geflügelten Knaben am linken Bildrand gibt dem Treiben derweil mit ihrer Geste der Verschwiegenheit den Segen: „What happens in Vegas, stays in Vegas.“

Eine Frau mit zwei Liebhabern, einer davon Priester, ein freudig zugelassener Blick unter den Rock — eigentlich geht es in Fragonards ‚Schaukel‘ zu wie auf einer Bauernhochzeit. Und doch eignet der Szene eine Anmut und Eleganz, eine luftige Lebensfreude, die zeigt, wie weit das Geschehen von aller Lebenswirklichkeit der unteren Schichten entfernt ist. Mit Hingabe widmet sich Fragonard der Darstellung des ungemein aufwendigen Kleides der Schaukelnden, die Hände des versteckten Liebhabers sind formvollendeter Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit und zeigen in der Feingliedrigkeit ihrer Gestik, dass sie niemals schwere Arbeit leisten mussten. Auch die Natur hat nichts Grobes an sich, die Blätter der Bäume und Büsche fügen sich in ihrer zierlichen Form zu duftigen Gebilden aus Pastelltönen — die sich vergnügende Dame scheint so in eine Landschaft grün-blauer Wolken gebettet zu sein, die bildlich nahelegt, was die Lebenswelt des Ancien Régime in seiner Arbeits- und Sittenferne tatsächlich auch war: ein menschengemachter Himmel auf Erden.

Die höchste Form der Kultur, das legt Fragonards ‚Schaukel‘ nahe, nähert sich wieder dem Zustand der Kulturlosigkeit an, der Barbarei. Sitten und Gebräuche lösen sich auf, Vergangenheit und Zukunft versinken ebenso in der Bedeutungslosigkeit wie jeder Rest von Verantwortungsgefühl. Was allein zählt, sind die sinnlichen Reize der unmittelbarsten Gegenwart. Vielleicht auch deshalb wirkt der Park in Fragonards ‚Schaukel‘ beinahe wie ein Urwald. Tatsächlich stand das Ancien Régime zur Zeit der Entstehung des Gemäldes bereits unmittelbar vor seinem Ende — und so zeigt das Bild einen kurzen Moment der Schwerelosigkeit nicht nur der Schaukelnden und ihrer höfischen Pracht, sondern auch der geschichtlichen Situation. Gut zwanzig Jahre später setzte die Französische Revolution dem Treiben der Aristokratie ein Ende. Die Schwerelosigkeit in Fragonards ‚Schaukel‘ ist der winzige Augenblick vor dem Fall.

-aldus



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