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Was eine Stadt zur wichtigsten von allen macht. Jan Vermeers ‚Ansicht von Delft‘ interessiert sich für mehr als Stein und Ziegel.

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icht erst seit der Moderne gilt das Phänomen der Stadt als größte Errungenschaft des Menschen, als Stein gewordener Sieg seines Willens über die Schwerkraft, des Vertikalen über das Horizontale. Es ist erstaunlich, wie wenig von alledem in Jan Vermeers ‚Ansicht von Delft‘ zu spüren ist. Die Stadt war schließlich nicht nur Geburts- und Wohnort Vermeers, sondern im 17. Jahrhundert auch einer der wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkte Hollands. In Vermeers ‚Ansicht von Delft‘ ist vom Prunk der Metropole an der Schie nicht viel zu erkennen, sie bildet nur einen verhältnismäßig schmalen horizontalen Streifen über die untere Bildmitte. Dominiert wird das Gemälde von einem weiten Himmel, der fast zwei Drittel der Fläche einnimmt, auch der Lauf der Schie und der Uferstreifen nehmen mehr Raum ein als das eigentliche Stadtbild.

jan-vermeer-ansicht-von-delft Vermeers ‚Ansicht von Delft‘ bietet keinen Blick auf das geschäftige Innenleben der Stadt, keine Straße führt den Betrachter in ihre Tiefe — Dächer und dunkle, verwitterte Mauern sind so gut wie alles, was man von Delft zu sehen bekommt. Die Schiffe auf dem Fluss recken keine stolzen Masten in den Himmel, sondern ducken sich an die Uferbefestigung, mit der sie farblich beinahe verschmelzen. Auch die Figurenstaffage am unteren Bildrand vermittelt nichts von der hektischen Betriebsamkeit, die in dem Handelszentrum Delft an vielen Orten geherrscht haben wird, hier werden ruhige, vertraute Gespräche geführt. Am offenkundigsten wird die bewusste Ent-Dramatisierung des Stadtbilds in Vermeers ‚Ansicht von Delft‘ jedoch in der Lichtregie des Malers: Nur ein hinterer Abschnitt der Stadt wird von der Sonne beschienen, der größte Teil liegt im Schatten. Es scheint, der Künstler hätte nur wenige Minuten warten müssen, und alles wäre in prächtigstem Glanz erstrahlt, aber ganz offensichtlich war dies nicht das Bild, das Vermeer malen wollte.

Auch die riesenhaften Wolken über den Dächern, fast möchte man sie die eigentlichen Protagonisten des Bildes nennen, machen die Stadt eher kleiner als größer — wäre es Vermeer um die Verherrlichung von Pracht und Größe Delfts gegangen, er hätte es sicher anders bewerkstelligt. So aber kommen auch Himmel und Landschaft zu ihrem Recht, erhält die Stadt eine Anmutung von Beiläufigkeit, Vertrautheit und ruhiger Beschaulichkeit, für die es auch einen anderen Namen gibt — und ganz sicher war das der Name Vermeers für Delft: Heimat.

-aldus



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