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Was macht den Menschen zum Menschen? Jacques-Louis Davids ‚Sabinerinnen‘ haben eine klare Antwort parat.

I

n der Spätphase des Kalten Krieges machte Sting eine simple Feststellung, in deren Licht die vorangegangenen Jahrzehnte vollends wie eine verlorene Zeit erschienen: Auch die Russen lieben ihre Kinder (‚Russians‘, 1985). Man hätte auch früher darauf kommen können. Knapp zwei Jahrhunderte zuvor hatten Jacques-Louis Davids ‚Sabinerinnen‘ dieses Motiv eindrucksvoll in Szene gesetzt — und lehnten sich dabei an eine jahrtausendealte Überlieferung an. Der römische Geschichtsschreiber Livius berichtet von den Auseinandersetzungen der jungen Stadt Rom mit den Sabinern im achten Jahrhundert vor Christus: Um einen akuten Frauenmangel kurz nach der Gründung Roms zu beheben, raubten die Römer bei einem großen Kampfspiel in ihrer Stadt kurzerhand die Töchter der Gäste, die meisten von ihnen Sabinerinnen. Drei Jahre später griffen die Sabiner im Gegenzug Rom an, um die Schmach zu vergelten und die Frauen zu befreien, doch die fühlten sich mittlerweile durch Heirat und Kinder den einstigen Gewalttätern zugehörig. Deshalb warfen sie sich mit ihren Kindern zwischen die Kampfbereiten, um das Leben der Väter und Ehemänner zu schützen.

jacques-louis-david-sabinerinnen Jacques-Louis Davids ‚Sabinerinnen‘ zeigen das Geschehen auf einen kurzen, entscheidenden Moment zusammengedrängt: Durch einen Verrat konnten die Sabiner die Burg auf dem Kapitolischen Berg im linken Bildteil einnehmen, die Römer nahen von rechts mit einem Entsatzheer, über dem schon ein riesiger Büschel Brennmaterial zum Wurf über die Burgmauern schwebt. Wie ein Unwetter drohen die Sabiner über die Römer herzufallen, verdeutlicht durch den dramatisch überhängenden Felsvorsprung im Hintergrund — er scheint ebenso jeden Augenblick auf die Römer herabzufallen wie die zur Verteidigung entschlossenen Sabiner hinter den Zinnen der Burgmauer. Doch auch die Römer sind zum Kampf entschlossen, Schwerter werden gezogen, Feldzeichen emporgereckt — im Hintergrund ist das Wogen ihrer Speere kurz davor, sich mit dem der Feinde zu vereinigen; der stürmisch bewölkte Himmel lädt die Atmosphäre zusätzlich auf.

Doch die Sabinerinnen können das blutige Geschehen im letzten Augenblick verhindern. In ein weißes Gewand gehüllt tritt im Vordergrund entschlossen Hersilia, die Gattin des Romulus zwischen die Fronten. Gerade holt ihr Mann zum Speerwurf auf Titus Tatius, den Anführer der Sabiner aus — doch der hält seinen Schild schützend über seine Tochter, die sich flehend mit ihrem Kind zu seinen Füßen niedergeworfen hat. Romulus bringt es sichtlich nicht fertig, den auf diese Weise Wehrlosen mit seinem Speer niederzustrecken. Eine andere Frau hält ihr verängstigt sich umwendendes Kind den Speeren der eigenen Verwandten entgegen, eine Alte reißt ihr Gewand auf, um die nackte Brust den Waffen darzubieten, und, vielleicht die rührendste Szene von allen, zu den Füßen der Anführer im Vordergrund ringen zwei kleine Knaben zum Scherz miteinander. Sie wenden die ganze Welt in Waffen hinter sich in einen Scherz unter Brüdern — und nehmen damit die weitere Entwicklung vorweg. Denn die todesmutige Intervention der Sabinerinnen hatte Erfolg, es kam zu einem Friedensbündnis zwischen Sabinern und Römern, die fortan ein gemeinsames Volk bildeten, beherrscht von Romulus und Titus Tatius.

Weit davon entfernt, sich mit historischer Schilderung als Selbstzweck zu begnügen, rufen Jacques-Louis Davids ‚Sabinerinnen‘ das im blutigen Terror der Revolutionszeit gefangene Frankreich überdeutlich zur Einigkeit auf. Das Gemälde nutzt ein jahrtausendealtes, wahrscheinlich in jedem Menschen fest verankertes Motiv, um den Zeitgenossen ebenso wie uns Heutigen nur eine einzige Deutung zu lassen: Mensch sein heißt, Liebender sein. Und es ist die erste Barbarei des Krieges, dass er statt Vätern, Söhnen und Ehemännern nur Soldaten kennt.

-aldus



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