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Die Öllampe des Innern. Jacopo Tintorettos ‚Abendmahl‘ bietet dem Betrachter Feuer an.

W

o ist Gott? Und wo das Göttliche? Im Himmel? In der Kirche? In der freien Natur? Beteten unsere Vorfahren noch herausgehobene Gesteinsformationen und mächtige Bäume als gottgleiche Wesen an, so war einer der radikalsten Ansätze des Christentums, dass es Gott aus diesen Gefängnissen befreite und ihm einen neuen Platz zuwies: Das Göttliche ist in uns, wir müssen es nur zulassen. Jacopo Tintorettos ‚Abendmahl‘ in der Kirche San Giorgio Maggiore in Venedig unternimmt es, dieses Mysterium der gegenseitigen Durchdringung von Göttlichem und Menschlichen zu verdeutlichen.

jacopo-tintoretto-abendmahl Es wählt hierzu eine Darstellung des letzten Abendmahls Christi mit seinen Jüngern, in dem Jesus die Worte spricht, die auch heute noch die kirchliche Abendmahlfeier begleiten: „Seht, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ — „Seht, das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Ganz explizit also die Forderung, das Göttliche in sich aufzunehmen. Wie aber macht man dieses Göttliche über Brot und Wein hinaus sichtbar? Tintorettos ‚Abendmahl‘ setzt dafür eine dramatische und komplexe Lichtsymbolik ins Werk.

Das Gemälde ist in ausdrucksstarke Hell-Dunkel-Kontraste gegliedert, das Licht geht dabei von zwei Quellen aus: der Öllampe im oberen linken Bildteil und der Gloriole Christi in der Bildmitte. Sorgt die Lampe für eine natürliche Beleuchtung der Szene, so wird das göttliche Licht Christi auf unterschiedliche Weise aufgenommen: Die Heiligenscheine der Apostel werden ganz klar als ein Abglanz dieses Lichts aufgefasst, am besten zu erkennen an den beiden Jüngern links von Christus, deren Gloriolen mit der des Heilands beinahe zu verschmelzen scheinen. Auch haben nur elf Jünger überhaupt dieses Licht um ihr Haupt, die Figur an der rechten oberen Ecke des vorderen Tisches hat keinen Heiligenschein, obgleich sie kein Diener ist, sondern mit zu Tisch sitzt — dabei dürfte es sich um Judas handeln, der Christus wenig später gegen 30 Silberlinge verraten wird und von dem sich sein Tischnachbar demonstrativ abwendet.

Es ist auch das von Christus ausgehende Licht, das im Rauch der Öllampe engelsgleiche Wesen sichtbar zu machen scheint. Der ganze Raum ist also erfüllt und durchdrungen vom Geist Gottes, und die Begegnung mit dem Göttlichen, diese Einsicht vermittelt Tintorettos ‚Abendmahl‘ auf eindringlichste Weise, ist nicht die Frage einer Wanderschaft oder eines Gottesdienstbesuches, sondern eine zutiefst persönliche Entscheidung. Es braucht keine Kathedrale und kein Matterhorn: Ein kurzer Augenblick der Besinnung genügt.

-aldus



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