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Probieren sie das nicht zu Hause! Ingres’ ‚Große Odaliske’ vertauscht anatomische und sinnliche Wahrheit.

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ie Zeitgenossen waren sich einig: So hat man keine Frau zu malen! Tatsächlich nimmt sich Jean Auguste Dominique Ingres’ ‚Große Odaliske’ in Sachen Anatomie mehr als eine Freiheit: Der Kopf der Haremsdame ist zu klein, der rechte Arm ist unnatürlich lang und im oberen Teil seltsam gebogen, der Rücken ist im Bereich der Hüften ebenfalls viel zu lang (um nicht weniger als fünf Wirbelknochen, wie eine neuere anatomische Studie schätzt), die extreme seitliche Krümmung der Wirbelsäule könnte bei Nachahmern zu einem Bandscheibenvorfall oder Schlimmerem führen. Mit dem klassizistischen Ideal exakter Nachahmung der Natur hat Ingres’ ‚Große Odaliske’ also nicht viel zu tun — ein zeitgenössischer Kritiker bemerkte, sie habe „weder Knochen, noch Muskeln, weder Blut, noch Leben oder Konturen — in der Tat nichts, was mit Naturnähe zu tun haben könnte“. Doch wer sagt, dass es Ingres um die Natur ging?

ingres-die-grosse-odaliske Schließlich liegt Ingres’ ‚Großer Odaliske’ noch eine ganz andere, tiefergehende Verkrümmung zugrunde: Die der zeitgenössischen Ehemoral, zu der die Vorstellung eines Harems — also des exklusiven sexuellen Zugriffs eines einzigen Mannes auf eine beliebige Anzahl Frauen — in denkbar größter Diskrepanz steht. Dem Gemälde geht es also schon vom Gegenstand her nicht um Realitäten, sondern um eine Phantasie, den Traum des rationalen, monogamen Westens von der Sinnenschwüle eines orientalischen Harems. Dass Ingres hierbei die Wahrheit der Anatomie gegen eine sinnliche Wahrheit austauscht ist also nur folgerichtig. Und auf sinnlicher Ebene ist Ingres’ ‚Große Odaliske’ zutiefst wahr.

Der makellose Körper der Odaliske mit seinen zwar widernatürlichen, doch betörend fließenden Linien wird zum Teil eines Bildprogramms, das sich geradezu der sinnlichen Überforderung des Betrachters verschrieben hat: Verschiedenste Stoffe, Tücher, Polster und Felle werden auf dem Diwan ausgebreitet, ein aufwendig geschmückter, golddurchwirkter Turban ziert das Haupt der Odaliske, der perlenbestickte Fächer verwöhnt ihre Haut mit dem zarten, farbenprächtigen Anhauch von Pfauenfedern, im Hintergrund legt sich die nachtblaue Seide des kostbaren Vorhangs in komplexeste Falten — zu allem Überfluss weckt das Räucheröfchen am rechten Bildrand die Assoziation schwerer orientalischer Düfte. Der fehlerlos glatte, völlig ebenmäßige Leib der Odaliske wird so zu einem kostbaren Stoff unter vielen, an dem die Oberfläche und allein die Oberfläche von Bedeutung ist. Niemand würde sich allen Ernstes dafür interessieren, aus was die Füllung der Kissen oder Polster besteht, oder ob sie handwerklich korrekt gemalt sind. Ingres’ hat seine ‚Große Odaliske’ nicht auf reine Sinnlichkeit reduziert, sondern ihre Sinnlichkeit so übersteigert, dass alle anderen Aspekte und Wahrheiten — anatomische, moralische, mentale — dahinter zurücktreten müssen. So wunderschön ihre Augen sein mögen — sie sind ebenso leer wie die Pfauenaugen ihres Fächers.

Aldus



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