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Was man wirklich zum Leben braucht. Henri Matisse‘ ‚Tanz‘ unternimmt eine Bestandsaufnahme mit radikalem Ergebnis.

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uf heutige Betrachter mag Matisse‘ ‚Tanz‘ wie ein beinahe harmloses Dokument der Lebensbejahung wirken — in seiner Zeit jedoch war es zuallererst einmal ein Affront. Von allem Tiefgang und aller Bedeutung, mit dem die Künstler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Gemälde beluden, macht sich dieses Werk frei. Es schwelgt nicht in abgelegenen historischen Stoffen, fasziniert nicht mit raffiniert wiedergegebenen, täuschend lebensechten Oberflächen, weist keine intrikate Komposition oder Perspektive auf und zitiert nicht entlegene Bereiche der Kunstgeschichte herein. Es zeigt einfach fünf Nackte beim Tanz.

matisse-tanz Henri Matisse‘ ‚Tanz‘ entstand gemeinsam mit seinem Werk ‚Musik‘ für den Sammler und Geschäftsmann Sergei Shchukin, der die beiden Gemälde nebeneinander im Treppenhaus seines Moskauer Anwesens aufhängte. Eine erste Fassung aus dem Jahr 1909 gilt allgemein als Vorstudie — und das ist ihr auch anzusehen: Im Vergleich mit der späteren Version ist die Körpersprache der Tanzenden verhaltener, ihre Zeichnung wirkt etwas unbeholfen, die Farben des Bildes sind blasser. Die zweite Fassung weist eine viel stärkere innere Dynamik auf, der Tanz kommt nun wirklich in Bewegung — bis hin zu Elementen des Ekstatischen. Die Farben unterstützen in ihrem satten Leuchten nun den Gesamteindruck überbordender Lebensfreude, sie wirken einfacher und grundlegender.

matisse-tanz-2 Eine Interpretation von Matisse‘ ‚Tanz‘ muss vor allem die Abwesenheit traditionellerweise zu interpretierender Elemente feststellen: Außer einem Himmel, einem Hügel und fünf nackten Tanzenden teils unbestimmten Geschlechts ist hier nichts zu sehen. Das Bild hat keinerlei Tiefenwirkung, auch die Körper sind flächig ausgeführt. In seiner Annäherung an Stammeskunst zeigt das Gemälde Eigenheiten des zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem unter den Fauvisten verbreiteten Primitivismus in der europäischen Kunst; ebenso wie die Werke dieser Stilrichtung geht es auch Matisse‘ ‚Tanz‘ zuallererst um ein Ende, um ein Ohne: Alle kulturelle Überfrachtung von Historismus und Salonmalerei wird abgeschüttelt, der Ballast einer jahrhundertealten Kunstgeschichte abgeworfen, jede tiefergehende Deutung von sich gewiesen. Hier geht es um nichts anderes als im wahrsten Sinne des Wortes nackte Lebensfreude. Alte metaphysische Gewissheiten gelten nicht mehr, eine neue Zeit ist angebrochen. Eine Zeit, in der sich Freude und Erfüllung nicht mehr aus komplexen kulturellen Traditionszusammenhängen herleiten, sondern unmittelbar dem Leben selbst abgewonnen werden. Nach dem Ende fester Glaubensgewissheiten ist Matisse‘ ‚Tanz‘ eine trotzige Emanzipation der Lebensfreude: Mag sein, das Leben ist sinnlos. Aber das ist ein Tanz auch.

-aldus



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