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Der Preis der Sicherheit. Henri Matisse‘ ‚Ikarus‘ erzählt von einem kurzen, sinnvollen Leben.

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as macht ein gelingendes Leben aus? Solide Ausbildung, festes Gehalt, gute Versorgung im Alter — fast alles in unserem Leben ist auf Sicherheit abgestellt. Wohlstand und ein hohes Lebensalter sind, zumindest in Europa, die häufige Folge. Doch was geht dabei verloren? Henri Matisse‘ ‚Ikarus‘ illustriert eines der ältesten Beispiele für einen Fall, in dem Sicherheit nicht an erste Stelle gesetzt wurde. Gemeinsam mit seinem Vater Dädalus wurde Ikarus auf Kreta von König Minos im berühmten Labyrinth des Minotaurus gefangengehalten. Sein Vater konstruierte so zwei Flugapparate, an denen Federn mit Wachs an einem Gestänge befestigt waren. Mit ihrer Hilfe wollten sie die Mauern des Gefängnisses überwinden und über das Meer zurück in die Heimat fliegen. Vor dem Start schärfte der Vater Ikarus ein, nicht zu tief zu fliegen, da sonst die Feuchte des Meeres die Federn beschweren würde, aber auch nicht zu hoch, da sonst die Hitze der Sonne das Wachs würde schmelzen lassen. So ging zunächst alles gut, doch nach einer Weile packte Ikarus der Übermut, er stieg immer höher hinauf, bis tatsächlich eintrat, wovor Dädalus gewarnt hatte: Die Federn lösten sich aus dem geschmolzenen Wachs, Ikarus stürzte zu Tode. Bis heute ist die Geschichte einer der Kronzeugen für die Überzeugung unserer sicherheitsfanatischen Gesellschaft: Hochmut kommt vor dem Fall.

henri-matisse-ikarus Henri Matisse‘ ‚Ikarus‘ stellt den in sein Verderben stürzenden Übermütigen dar: Verzweifelt rudert er mit den Armen, der Blick scheint angstvoll nach unten gerichtet. Und doch ist die Dramatik des Geschehens in Matisse‘ Scherenschnitt zurückgenommen zugunsten einer distinkten Poesie des Augenblicks: Ikarus ist eingetaucht in das bodenlose Blau der höchsten Himmelssphären, die funkelnden Sterne sind nicht über ihm, sondern umgeben ihn, als sei er ihr Spielkamerad; der Übermut des ungeahnten Höhenfluges hat Ikarus‘ Herz zu einem leuchtend roten Fleck werden lassen. Die scharfen Konturen der Figur lassen an die Berichte von aus höchster Gefahr Geretteten denken, die angaben, sich in Todesnähe so intensiv gespürt zu haben wie noch nie zuvor.

Matisse‘ ‚Ikarus‘ hat die uralte Geschichte der griechischen Mythologie von ihrer Moral befreit und ihren poetischen Gehalt freigelegt. Die Tatsache, dass Risiko und Gefahr ihre Schönheiten haben und Sicherheit einen Preis, möchte in der Moderne kaum noch jemand hören, doch das mindert nicht ihren Wahrheitsgehalt. Auch Matisse‘ ‚Ikarus‘ ist dem Tod geweiht, sein Herz wird bald aufhören zu schlagen. Doch vorher hat es in der Begeisterung einer unerhörten Tat geglüht. Das ist mehr, als die allermeisten unter uns von sich werden sagen können.

-aldus



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