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Hans Holbeins ‚Die Gesandten‘ schickt zwei Männer auf Weltreise. In einem Zimmer von fünf Quadratmetern Fläche.

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ieses Gemälde gibt Rätsel auf wie kaum ein zweites und entsprechend zahlreich sind die Deutungen und Interpretationen zu den ‚Gesandten‘ Hans Holbeins. Die Fakten sind schnell referiert: Das Bild entstand im Jahr 1533 in London. Links ist Jean de Dinteville zu sehen, seinerzeit Diplomat Frankreichs am Hofe Heinrichs VIII. in London, rechts Georges de Selve, der bereits in jungen Jahren Bischof im südfranzösischen Lavaur geworden war und ebenfalls diplomatische Dienste verrichtete. Die beiden dürften befreundet gewesen sein oder sich zumindest gut gekannt haben, sonst hätten sie sich kaum gemeinsam auf einem Gemälde verewigen lassen. Wahrscheinlich gab einer der beiden — oder beide gemeinsam — dieses Doppelportrait beim damals hochangesehenen Hans Holbein dem Jüngeren in Auftrag.

holbein-die-gesandten Auf den ersten Blick frappiert die Meisterschaft der geradezu fotorealistisch zu nennenden Malweise: Der Vorhang, Stoffe und Pelze der Gewänder — man glaubt förmlich, nach ihnen greifen und sie betasten zu können. Ebenso sind die komplizierten Formen der verschiedenen Gegenstände auf dem Tisch zwischen den beiden Abgebildeten (astronomische und mathematische Instrumente sowie Bücher geistlichen Inhalts) mit untrüglicher Perfektion auf die Leinwand gebannt. Hans Holbein wusste offensichtlich, was er kann, und er zeigt es stolz. Doch was ist über die ausgestellte Könnerschaft hinaus von den Details des Gemäldes zu halten? Zunächst einmal sollten die abgebildeten Gerätschaften, Bücher und Musikinstrumente wohl für die Interessen der beiden hochgebildeten Adligen stehen und sie als Liebhaber der Wissenschaften ausweisen. Darüber hinaus zeigte der Philosoph John North 2002 in einer grundlegenden Analyse, dass die abgebildeten Instrumente gemeinsam Ort und Zeit der Szene bestimmen: London, 11. April 1533, zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr. Diesem Datum kommt eine geistliche Bedeutung zu, insofern im Jahr 1533 der Karfreitag auf den 11. April fiel und Jesus gemäß der Bibel um drei Uhr nachmittags am Kreuz starb. Eine religiöse Bedeutung sieht North in seinem Buch „The Ambassadors‘ Secret“ auch in der öfter wiederkehrenden Zahl 27 (verschiedene Gegenstände weisen Winkel von 27 ° auf), die als dritte Potenz der Zahl Drei (3 x 3 x 3) für die Dreifaltigkeit stehe. Auch ohne komplizierte Deutungen hat Hans Holbein mit dem halbverdeckten Kruzifix in der linken oberen Bildecke einen klaren Fingerzeig in diese Richtung gegeben. Der verzerrte Totenschädel zu Füßen der beiden Gesandten mag als Memento Mori ebenfalls eine geistliche Akzentuierung sein (im Winkel von 27 ° betrachtet wirkt er natürlich), möglicherweise ist er als hohles „Bein“ [damals allgemein für Knochen] auch eine exzentrische Signatur Hans Holbeins des Jüngeren.

Ein wichtiger Aspekt gerät bei den üblichen Interpretationen jedoch meist in den Hintergrund: Nämlich Holbeins Stilisierung der beiden Gesandten zu Archetypen von Weltmann und Geistlichem. Jean de Dinteville links ist mit prächtigem, der damaligen Mode gemäß geschlitzten Seidengewand, übergeworfenem Pelz und goldenem Medaillon schon von der Kleidung her als mächtiger, mitten im Leben stehender Weltmann dargestellt. Seine vorgewölbte Brust, die entspannten Hände und der breitbeinige Stand unterstreichen diese Zuordnung. Georges de Selve dagegen ist in seiner Position nach hinten und an den Rand gerückt, seine Schultern sind nicht ausladend, sondern flach abfallend, seine Finger wirken in ihrem Klammern nervös. Am augenfälligsten wird diese Gegenüberstellung jedoch, wenn man die beiden kreisförmigen Muster im Mosaik des Bodens beachtet. Jean de Dinteville stellt seinen rechten Fuß selbstbewusst mitten in den Kreis hinein, Georges de Selve steht ängstlich an seinem Rand. Der eine Gesandte steht für die Welt, für Macht, Wille und das Handgreifliche, der andere Gesandte steht für das Gegenteil: für Glaube, Religion, Ungewissheit, Hoffnung. Hans Holbeins Gemälde mag nur ein winziges Zimmer darstellen. Aber es enthält alles, was den Menschen zum Menschen macht.

-aldus



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