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Welchen Sinn hat Leben? Gustav Klimts ‚Lebensbaum‘ gibt eine stumme, wuchernde Antwort.

E

s ist eines der bekanntesten Werke des Künstlers – dabei handelt es sich bei Gustav Klimts ‚Lebensbaum‘ nur um den Ausschnitt einer viel größeren Arbeit, die eigentlich andere Motive in den Mittelpunkt stellt. Im Gesamtzusammenhang ist Klimts ‚Lebensbaum‘ im Speisesaal des zwischen 1905 und 1911 von Josef Hoffmann errichteten Stoclet-Palais in Brüssel zu sehen, der ehemaligen Privatvilla des Ingenieurs und Bankiers Adolphe Stoclet. Die dominierenden Elemente des sogenannten Stoclet-Frieses sind die abstrakte Darstellung eines Ritters sowie zwei allegorische Figuren, die „Erwartung“ (eine einzelne Tänzerin) und die „Erfüllung“ (ein Paar ähnlich der berühmten „Umarmung“ des Beethovenfrieses). Der Stoclet-Fries fällt in seiner reichen Verwendung des Materials unübersehbar in Klimts „Goldene Periode“.

gustav-klimt-lebensbaum Was mag ausschlaggebend dafür sein, dass Klimts ‚Lebensbaum‘ — eher ein flächenfüllendes Zwischenelement und auch gespiegelt gleich zweimal auf den Wänden des Stoclet-Frieses zu finden — eine derart aus dem Zusammenhang gelöste, euphorische Rezeption erfuhr? Da ist zunächst einmal die beinahe hypnotische Wirkung, die von den spiralförmig zusammengerollten Ästen ausgeht und den Eindruck erweckt, der Baum blicke uns aus zahllosen Augen an. Bei näherem Hinsehen hat Klimt auch tatsächlich Darstellungen von Augen in den Baum eingearbeitet: eher abstrakt in schwarzweißen Farbflächen des Stammes, konkreter und in ägyptisch anmutender Formgebung (Horusaugen) auf den schaufelförmigen Blättern des Baums. Die Anlehnung an Kunst der altägyptischen Zeit lässt auch der schwarze Horusfalke im Geäst des Baumes erkennen. Klimt setzte sich zur Entstehungszeit des Bildes auch in anderer Weise mit altägyptischer Kunst auseinander, hier dürften diese Motive in erster Linie dazu dienen, die übermächtige Ewigkeitsvorstellung der ägyptischen Kultur hereinzuzitieren und den Baum damit ins Zeitlose zu heben.

Aber auch ohne solch „sprechendes“ Zierwerk übermittelt Klimts ‚Lebensbaum‘ schon durch seine bloße Gestaltung eine unübersehbare Aussage: Alles Leben ist Teil eines übergeordneten Ganzen. Mit dem Auge hat Klimt ein einfaches Motiv gefunden, das unmittelbar als ein Zeichen für Leben einleuchtet, und hat dieses in und auf seinem Baum verteilt. Doch das Leben ist nicht etwas dem Baum Fremdes, das sich in ihm niedergelassen hat wie ein Schwarm Vögel, der Baum selbst ist Leben, wie aus seinen augenartig blickenden Ästen erfahrbar wird — Leben ist sich selbst genug, voraussetzungslos und unmittelbar gegeben. Klimt verzichtet auf jede Sinngebung: Der ‚Lebensbaum‘ ist wuchernder Schmuck, sein Ornament füllt lediglich die Leere — mit keiner anderen Legitimation als der seiner unabweisbaren Schönheit. Anders als in den geschichtsphilosophischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ist Leben hier nichts Zielgerichtetes, es gibt keinen „Sinn der Geschichte“: Die betonte Flächigkeit des Baums setzt hierarchische Vorstellungen außer Kraft. Nach einer „Krone der Schöpfung“ wird man in Klimts ‚Lebensbaum‘ ebenso vergebens suchen wie nach „niederen Lebensformen“. Alles Beseelte ist gleichberechtigt Teil dieses auf wunderschöne Weise sinnlosen Ornaments namens Leben.

-aldus



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