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Nichts ist so tief wie die Oberfläche: Gustav Klimts ‚Kuss‘ zeigt in flächigem Flirren aus Blattgold und Ornamenten nichts Geringeres als die Kraft, die alles zusammenhält.

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as zum Thema Liebe gesagt, gemalt und gesungen werden kann, ist gesagt, gemalt und gesungen. Das galt auch schon zu Gustav Klimts Zeiten. Bewundernswert selbst für einen Künstler seines Rangs also, dass er sich in einem Gemälde dieses Themas und nur dieses Themas annahm. Während seine in die Sagen und Geschichten der Vergangenheit verguckten Zeitgenossen mit Leidenschaft individuelle Ausformungen der uralten Geschichte auf die Leinwand bannten — Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Lancelot und Ginover —, widmet sich ‚Der Kuss‘ allein dem allen diesen Geschichten Gemeinsamen. Natürlich gibt es Interpretationen, die in Klimts ‚Kuss‘ individuelle Personen und Geschichten wiedererkennen wollen (etwa Klimt selbst mit seiner Lebensgefährtin Emilie Flöge), doch der Anspruch des Gemäldes ist völlig klar: Dieses Bild ist alle Liebesgeschichten in einem.

klimt-kuss Die Körper der Liebenden sind vereint in einer Kontur, die vom für Klimts „Goldene Periode“ kennzeichnenden Blattgold dominiert wird. Plastisch ausgeformt sind lediglich die Gesichter und Hände der beiden, sowie die Schultern und Füße der Frau. Die Körperformen werden nur angedeutet, an ihrer Stelle symbolisieren Ornamente die Prinzipien der Geschlechter: Der Körper des Mannes wird überlagert von rechteckigen, kontrastreichen Gebilden in Weiß und Schwarz — männliche Kantigkeit und Stärke vermittelnd —, über den Konturen der Frau sind runde, buntfarbige Muster ausgebildet; in ihrem Haar und um ihr Gesicht herum finden sich verschiedenfarbige Blüten, während den Kopf des Mannes ein Kranz aus grünen Blättern schmückt. Heutigen „Gendertheorien“ wird eine solche Stilisierung der Geschlechter nicht schmecken, doch in Klimts ‚Kuss‘ verdeutlicht sie beeindruckend die Allgemeingültigkeit des Dargestellten. Zu den Füßen des Paares erstreckt sich eine Blumenwiese von surrealer Pracht, den Hintergrund bildet ein funkelnder Sternenhimmel aus Schwarz und Blattgold. Rechts unten reißt die Blumenwiese ab und es ist nicht klar, ob ein Abgrund dargestellt werden soll (der verderbenbringende Aspekt der Liebe, für den auch die schlingpflanzenähnlichen Gebilde an den Füßen der Frau sprächen), oder ob hier die Auflösung der gegenständlichen Welt zugunsten des wahrhaft kosmische Verschmelzung kündenden Sternenhintergrunds angedeutet ist.

In jedem Fall sorgt die kleinteilig-bewegte, farbenprächtige, in den Blattgoldpartien leuchtend akzentuierte Bildgestaltung beim Betrachter für ein Gefühl der glückvollen Überforderung, des Rausches, es bleibt nichts als eine Kapitulation vor dem Anspruch dieses Gemäldes — nämlich die Ewigkeit in einem einzigen Augenblick darzustellen: Mann und Frau, Erde und Kosmos ineinander aufgehend im Erleben der Macht, die alles zusammenhält: Liebe

-aldus



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