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Hinter tausend Mustern keine Welt. Gustav Klimts ‚Birkenwald‘ provoziert vorlaute Antworten auf eine subtile Frage.

A

lle Wahrnehmung, ob akustisch, visuell oder intellektuell, ist nichts anderes als das Erkennen von Mustern — von Gebilden, die sich durch die gleichförmige Art ihrer Beschaffenheit von ihrer Umgebung unterscheiden. Das Gegenteil eines Musters ist Rauschen, eines empfangslosen Radios, Fernsehers oder eines Dada-Textes (wobei Dada nicht immer willentlich stattfindet, wovon man sich bei einer Talkshow im Mittagsfernsehen leicht überzeugen kann). Damit ein Muster, oder Signal, als solches erkennbar ist, muss es sich über das Grundrauschen erheben, ein schwaches, chaotisches Durcheinander von Signalen, die im Hintergrund wahrnehmbar sind beziehungsweise die das Wahrnehmungssystem selbst hervorbringt (wie man in einem völlig stillen Raum hören kann oder sehen, wenn man die Augen schließt). All das, die Unterscheidung von Signal und Rauschen, das Erkennen von Mustern geschieht völlig unbewusst, zum Teil sogar noch außerhalb des Gehirns. Doch dass es geschieht, wird klar, wenn man Gustav Klimts ‚Birkenwald‘ betrachtet.

gustav-klimt-birkenwald-buchenwald Den Hintergrund von Klimts ‚Birkenwald‘ (auch ‚Buchenwald‘ oder ‚Birkenwald / Buchenwald‘ genannt) bildet eine Decke aus Herbstlaub, die sich über den Waldboden breitet; schon sie ist keine gleichförmige Struktur, sondern aus unzähligen verschiedenfarbigen Flecken zusammengesetzt. Von diesem Hintergrund heben sich die Stämme der Birken und Buchen ab, die ihrerseits aus unterschiedlichsten Farben und Formen bestehen: vor allem dem Weiß und Grau der glatten Rinde — durchbrochen von schwarzen Flecken —, im unteren Teil sind die Stämme ungleichmäßig von Moos bewachsen; zusätzlich durchziehen die hellen Partien der Rinde waagrechte Strukturen, die stellenweise zu größeren grauen Flecken zusammenfließen. Es ist ein handfestes Wunder, dass unser Sehvermögen zu diesem unglaublich komplexen Durcheinander aus Farben, Formen und Strukturen sofort und ohne jedes Zögern, fast wie mit einem Schulterzucken sagt: „Laubwald im Herbst mit Glockenblumen.“

Es liegt auf der Hand, dass Gustav Klimts ‚Birkenwald‘ keine impressionistische Malerei darstellt, der es um den Eindruck einer stimmungsvollen Waldszene auf den Künstler geht. Klimts ‚Birkenwald‘ ist in seiner zielsicheren Stilisierung nicht weniger als ein formales Experiment, das nach Art und Zustandekommen unserer Wahrnehmung fragt — auf aberwitzige Weise schichtet es Muster auf Muster: Das Bild hebt sich von der Wand ab, der Stamm vom Waldboden, der schwarze Fleck vom Stamm, die weißen Punkte vom schwarzen Fleck … Wie kann es sein, dass etwas derart komplex in sich Strukturiertes wie dieses Waldstück oder auch nur einer der Buchenstämme dem menschlichen Auge als „Einheit“, als selbständiger Gegenstand erscheint? Klimts ‚Birkenwald‘ stellt eine subtile Frage — und wir hören unser Sehvermögen unvermittelt drauflosplappern. Die Wahrnehmung des Menschen ist eine leistungsfähige, aber gnadenlos opportunistische Vereinfachung. Für jedes Faktum, das sie uns präsentiert, unterschlägt sie tausend andere.

Was können wir also wissen? Erkennen, das führt Klimts ‚Birkenwald‘ mit unbarmherziger Beweiskraft vor Augen, ist selbst ein Muster, ein uns angeschmiedeter Mechanismus, den wir schlechterdings nicht ablegen können, der uns hinter sich her dorthin schleift, wo er uns haben will: sicher aus dem Wald heraus. Doch Klimts ‚Birkenwald‘ legt dem Betrachter nahe, sich nicht mit der erstbesten Wahrheit zufriedenzugeben, die ihm sein Erkenntnisvermögen unter die Nase hält. Bei längerer Betrachtung kann Klimts Gemälde so zu einem Ausgangspunkt tieferen Wissens werden, zu einer Meditation über das wahre Wesen nicht nur eines Birkenwaldes, sondern überhaupt der „Zehntausend Dinge“, wie die fernöstliche Philosophie die sichtbare Welt nennt. Den Weg zu dieser Wahrheit allerdings beschreitet man nicht mit dem Erkennen von Mustern, mit Behaupten, Schließen und Folgern. Ein Anfang ist, seinen Augen nicht zu trauen. Der Rest ist Rauschen.

Aldus



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