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Der farbige Staub einer besseren Welt. Georges Seurats ‚Zirkus‘ bringt dem Bürgertum das Träumen bei.

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e geordneter die Bahnen, in denen der Alltag eines Menschen verläuft, desto nötiger hat er etwas wie den Zirkus. Dessen Prinzip ist die Aufhebung eben der Hemmnisse und Konventionen, die für das Fortbestehen bürgerlicher Strukturen nötig sind — in jenem exakt definierten Bannkreis namens Manege und auch nur für die Dauer einer Vorstellung. Welche Kraft — um nicht zu sagen: Magie — aber von diesem räumlich und zeitlich engbegrenzten Geschehen ausgehen kann, das wurde kaum je so zwingend auf die Leinwand gebannt wie in Georges Seurats ‚Zirkus‘.

georges-seurat-zirkus Nicht, dass dieses Gemälde irgend etwas Aufsehenerregendes zeigen würde: Keine flammenden Reifen, exotischen Tiere oder aufwendigeren Kunststücke sind zu sehen — nur eine Akrobatin auf einem Pferd, drei Clowns und ein Dompteur. Und doch gelingt Seurats ‚Zirkus‘ mit Leichtigkeit der Beweis, dass innerhalb der Manege andere Gesetze gelten. Die Zuschauertribüne ist exakt aus waagrechten und senkrechten Linien zusammengesetzt. Beinahe wie Hühner auf der Stange sitzt das herausgeputzte Bürgertum mit seinen Kleidern, Hüten und Gehstöcken, etwas steif und unbeholfen wirkt fast jeder unter ihnen, nur in der obersten Reihe, auf den „billigen Plätzen“ gibt man sich etwas entspannter. Nichts von diesem exakten Neben- und Übereinander findet sich im Rund der Manege, jeder Körper wirkt hier leicht und schwebend: Das Pferd scheint wie auf einem Karussell während der Bewegung in der Luft zu verharren, die Akrobatin auf seinem Rücken berührt es nur ganz nebenbei mit einem Fuß, während sie ihr Band in die Luft schleudert, ihr Haar lodert wie eine Flamme, ebenso wie der Körper scheinbar von jeder Schwerkraft befreit. Auch aus der Haltung der Clowns und des Dompteurs spricht Anmut und Eleganz, selbst die Schnur der Peitsche legt sich noch in aparte Schleifen. Beinahe vermeint man beim Anblick dieses Wunders aus Unbeschwertheit etwas wie ein neidvolles Verstehen in den Gesichtern der Zuschauer zu erkennen.

Georges Seurats ‚Zirkus‘ ist im Stil des Pointillismus gemalt, das heißt, es ist aus unzähligen einzelnen Farbpunkten zusammengesetzt (Seurat war der wichtigste Vertreter dieser Stilrichtung). Diese sehr mühsame, aber wirkungsvolle Technik verstärkt den Eindruck des Geschehens in der Manege zusätzlich — dem Betrachter ist, als löse sich die Welt in eine Wolke farbigen Staubs auf. Natürlich liebt der Bürger seine Ordnung, seine Regeln, seine althergebrachten Sitten. Ab und an allerdings lässt er sich bis zum heutigen Tag das Märchen von einer Welt erzählen, in der nicht das Starke und Beharrliche siegt, sondern Leichtigkeit, Farbe und Eleganz. Doch wie jedes Märchen hat auch dieses ein Körnchen Wahrheit. Georges Seurats ‚Zirkus‘ jedenfalls ist ein solches farbiges Staubkorn, das man sich so leicht nicht von seinem Anzug klopft.

-aldus



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