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Jugend als leuchtender Schlaf. Frederic Leightons ‚Flaming June‘ feiert den Mittag des Seins.

M

anch Kunstkenner mag beim Namen dieses Malers die Nase rümpfen. Er stand zwar in loser Verbindung zur avantgardistischen Gruppierung der Präraffaeliten, trat aber vor allem mit technisch perfekten, doch seelenarm umgesetzten historischen Sujets in Erscheinung. Eine Ausnahme macht Frederic Leightons ‚Flaming June‘, dem der Künstler in erster Linie seinen heutigen Ruhm zu verdanken hat (nachdem das Bild 1960 bei einer Auktion selbst für lediglich 140 US-Dollar keinen Käufer fand). Zwar lässt sich auch hier der auf perfekten Oberflächenglanz polierte akademische Stil des Künstlers wiedererkennen, doch ist Leightons ‚Flaming June ‘in mehrfacher Hinsicht aufsehenerregend: Es ist gewagt, einen menschlichen Körper in ein quadratisches Bildformat zu zwängen, und ebenso mutig, die Leinwandfläche dann zu zwei Dritteln mit nichts als Gewandfalten zu füllen. Doch das Wagnis gelingt. Die Körperhaltung der Schlafenden wirkt auf höchst unkonventionelle Weise elegant und doch natürlich, ihr Kleid bietet ein subtil erotisches Nebeneinander von enganliegenden Flächen und üppigem Faltenwurf.

frederic-leighton-flaming-june Frederic Leightons ‚Flaming June‘ erfüllt den Betrachter unmittelbar mit dem intensiven Eindruck träger Mittagshitze. Wie geschmolzenes Blei liegt das gleißende Sonnenlicht auf der Meeresfläche am Horizont, weiß glänzt es auf der Haut der Schlafenden und bringt den Stoff ihres Kleides zum Leuchten — das „flammend“ des Titels kann sich ebenso auf den heißen Junitag wie die blühende junge Frau gleichen Namens inmitten der lodernden Falten ihres Gewandes beziehen. Der Oleander am rechten oberen Bildrand verortet die Szene im Mittelmeerraum — und möglicherweise hat der Künstler in dieser Giftpflanze seinem lichtdurchfluteten Gemälde eine dunkle Fußnote hinzugefügt. „Vita somnium breve“ — „Das Leben ist ein kurzer Traum“, lautet ein Sprichwort nach Pedro Calderon de la Barca, und schon die Frederic Leighton so wohlbekannte Antike hatte Tod und Schlaf zu Brüdern gemacht. Die Blüte der Jugend ist nur eine kurze Mittagsstunde, so viel macht Leightons ‚Flaming June‘ klar; der Oleander wendet das Bild vollends ins Abgründige: Kein Sommer ohne Winter, kein Brand ohne Asche.

Aldus



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