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Wie malt man etwas, das auf ewig verloren ist? Franz von Stucks ‚Wächter des Paradieses‘ nimmt auf betörende Weise die Sicht.

E

s ist die älteste Geschichte von allen, jedenfalls, wenn man der Bibel Glauben schenkt: die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies durch einen Engel mit flammendem Schwert. Nach dem Sündenfall sollten sie künftig ihr Brot „im Schweiße ihres Angesichts“ verdienen; uns, ihren Nachkommen, geht es bekanntlich noch heute so. Franz von Stucks ‚Wächter des Paradieses‘ wagt einen Blick zurück, wie aus der Perspektive des ersten Menschenpaares: Ein sehr real wirkender, muskulöser Jüngling stützt seine ausgestreckte Rechte auf ein riesiges glühendes Schwert, seine weit gespannten Flügel versperren einen großen Teil der Sicht auf das, von dem sich seit Adams und Evas Zeiten auf Erden niemand mehr ein Bild machen konnte. Eine Art Begrenzung ist zu erkennen, direkt hinter dem Wächter befindet sich ein Durchlass, aus dem fremdartiges Licht strömt.

franz-von-stuck-waechter-des-paradieses Faszinierend ist nun, wie Franz von Stucks ‚Wächter des Paradieses‘ eine Bildsprache findet für das schlechterdings Unvorstellbare, das höchste denkbare Glück, etwas, für das es in unserer säkularen Welt nur mehr einen Namen gibt und kein auch nur halbwegs benennbares oder ausformuliertes Konzept: das Paradies. Frühere Versuche, durch tiergartenähnliche Darstellungen etwas wie Heimweh zu erzeugen, können getrost als gescheitert bezeichnet werden. Franz von Stucks ‚Wächter des Paradieses‘ dagegen lässt alles Gegenständliche hinter sich und greift zu extremen Mitteln — er erweckt die Leinwand zum Leben. Im Bereich dessen, das wir wohl als „Paradiesmauer“ ansprechen müssen, findet eine Art Feuerwerk statt: Irisierende Farben flirren ineinander, Lichtflecken bewegen sich davor und zerplatzen zu flächigen Ornamenten. Aus dem vom Engel versperrten Durchgang flutet ein betörendes Licht in so geschickter Darstellung, dass uns seine hellsten Partien beinahe blenden. Mit seinen Flügeln scheint der Paradieswächter noch so viel wie möglich von diesem Schimmer verdecken zu wollen, doch auch ohne diese Geste versteht der Betrachter, dass dieses Licht nicht für ihn bestimmt ist. Der Bereich hinter dem Engel entzieht sich schlicht und ausdrücklich jeder Deutung, vom Zutritt ganz zu schweigen. Das einzig für uns Erkennbare an dieser Umgebung ist der Boden, auf dem der Wächter steht, der im Hintergrund im Licht verschwimmt, zum Betrachter hin aber dunkler und realer wird. Man ahnt: Es ist der Boden der Tatsachen und auf ihm stehen wir bis heute.

-aldus



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