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Der Leib als Lücke, den die Schlange lässt. Franz von Stucks ‚Sünde‘ fragt nach der Macht über den weiblichen Körper.

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ranz von Stucks ‚Sünde‘ macht es dem Betrachter verführerisch leicht: Hier scheint sich die Frau in ihrer erotischen Schönheit mit der Schlange, seit biblischen Zeiten Symboltier für Versuchung und Verderben, verbündet zu haben, um ein für alle Mal den Inbegriff sündhaften Sinnen und Tuns zu verkörpern. Wie um jede Zweideutigkeit auszuschließen, prangt unübersehbar „DIE SUENDE“ auf dem von Stuck selbst gestalteten Rahmen. Düster lockt das Weib, während hinter ihr bereits eine Flamme des Höllenfeuers ihrem Opfer lodert. Doch ist es wirklich so einfach?

franz-von-stuck-suende Bei genauerem Hinsehen fällt an Stucks ‚Sünde‘ vor allem die Kulissenhaftigkeit der Bildkomposition auf: Das Bild hat keinerlei Tiefe, auch der Körper der Frau bleibt bis auf die grell hervorstechende Fläche ihres Oberkörpers ohne Kontur, ihr Gesicht ist in ein rätselhaftes Halbdunkel getaucht. Und selbst wenn dieses offensichtlich bloße Bild einer Frau einen Körper hätte — wie sollte er den massigen, metallisch glänzenden Leib der Riesenschlange tragen?

Tatsächlich dürfte es in Franz von Stucks ‚Sünde‘ nicht darum gehen, die Frau als Verführerin des Mannes zu denunzieren oder ihre „unersättliche Sexualität“, so allen Ernstes eine Interpretation, an den Pranger zu stellen. Derlei Argumentationsmuster zählten zur Entstehungszeit des Bildes für Künstler vom intellektuellen Rang eines Franz von Stuck schon lange zum rhetorischen Unterdrückungsapparat einer Epoche, in der sich Staat und Kirche die Macht über Vermögen und Seelen der Untertanen teilten. Eher dürfte die Schemenhaftigkeit des Bildes Programm sein: Entlarvt sie doch die Sünde als das, was sie tatsächlich ist — eine Kulisse, aufgerichtet wie ein Schild am Wegesrand, das den Reisenden in eine bestimmte Richtung bewegen soll. Der nackte Frauenkörper wird von der Schlange geradezu präsentiert, er füllt eigentlich nur die Lücke aus, die sich aus der Windung des Tiers ergibt. Er wirkt wie ein Lockmittel des Reptils, ein Trugbild, das verschwindet, sobald es seinen Zweck erfüllt hat, das Opfer in Reichweite zu bringen. Das erinnert frappant an die Rolle, die der weibliche Körper im klassischen Bildrepertoire kirchlicher Kunst über Jahrhunderte einnahm.

Denn der Kirche ging es nie um weibliche Sexualität in ihrem tatsächlichen Wesen, sie gebrauchte den weiblichen Körper lediglich für ihre Zwecke — und zwar in exakt der gleichen abstrakten Schemenhaftigkeit wie Stucks Schlange: Eine nackte Frau mit Kind bedeutet die Mutter Gottes, eine nackte Frau mit Schlange bedeutet Eva und damit die Sündhaftigkeit des weiblichen Wesens. Mit der tatsächlichen Frau hatte der traditionelle Männerverein (katholische) Kirche nichts am Hut. Abweichend natürlich, das muss kaum erwähnt werden, vom Text der Bibel, der voll ist von glaubwürdigen, lebensnahen Frauen aus echtem Fleisch und Blut.

So ist Franz von Stucks ‚Sünde‘ ein Lehrstück für rhetorische Raffinesse und die Skrupellosigkeit, mit der sich die kirchliche Macht etwas derart Grundlegenden wie des menschlichen Sexualtriebs bediente, um ihren Einfluss zu festigen. Wer die Macht über die Bilder hat, das wird aus diesem Kunstwerk deutlich, hat die Macht über die Menschen. Den weiblichen Körper allerdings zu einem Werkzeug des eigenen Machtwillens zu reduzieren, das ist in der Tat selbst, zu was die Kirche über Jahrhunderte noch die natürlichste menschliche Regung stigmatisieren wollte: eine Sünde.

-aldus



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