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Allein mit dem Augenblick. Franz von Lenbachs ‚Hirtenknabe‘ bringt uns in beste Gesellschaft.

E

s sind diese grundlos blauen Sonnentage, in deren Licht alle Dinge gleißend kapitulieren, die das öffentliche Leben beinahe zum Stillstand bringen und jeden einzelnen zwingen, sein aktuelles Portfolio angeblicher Wichtigkeiten noch einmal kritisch durchzusehen: Was kann schon bedeutsam sein, wenn eine entfesselte Sommersonne mit aller Macht ihren Besitzanspruch auf den Tag herausstrahlt? Franz von Lenbachs ‚Hirtenknabe‘ zeigt einen solchen Tag und die einzig angemessene Reaktion auf ihn: Ein kleiner Junge liegt hingestreckt auf einen mit Gras bewachsenen Erdhügel, über ihm ein makellos blauer Himmel, das grelle Sonnenlicht, gegen das er mit der Linken unangestrengt seine Augen schützt, lässt die wenigen verbliebenen sauberen Stellen seiner Kleidung leuchten. Die Lederhose verortet ihn im süddeutschen Raum, doch sonst schweigt sich das Gemälde aus: kein Name, keine Geschichte, keine Umgebung. Übrigens auch keine zu hütende Herde.

franz-von-lenbach-hirtenknabe In einer kunstgeschichtlichen Epoche, die das Publikum gern mit meterbreiten Historienschinken traktierte, üppige Schlachtengemälde entwarf und den Aufruhr gekrönter Häupter auf die Leinwand bannte, ist Lenbachs ‚Hirtenknabe‘ beinahe ein Affront, seine entwaffnende Einfachheit geradezu radikal. Und hat trotzdem nichts Oberflächliches an sich, die Frage des Gemäldes zielt vielmehr direkt ins Herz der Dinge: Was bleibt vom Leben, wenn man alles ihm nur Anhaftende fallenlässt, wenn das Licht einer ungezügelten Sommersonne in Sekundenschnelle Geschichte, Zukunft, Worte, Zahlen, Daten ausbleichen lässt? Alles, was dann bleibt, und diesen Zustand beschreibt Lenbachs ‚Hirtenknabe‘, sind wir selbst — das, was uns wirklich ausmacht —, allein mit dem Augenblick. Die Frage ist nur, ob wir diesen Augenblick in seiner intensivsten Konzentration, diese Gegenwart schlechthin aushalten. Nicht wenigen dürfte das eine Horrorvorstellung sein: stundenlang herumliegen, ohne Buch, ohne Gesprächspartner, möglicherweise sogar ohne Handyempfang. Allen anderen wird ein solcher Tag lehrreich sein und seine Erkenntnis kraftspendend: Dass manchmal alles, was man für das richtige Leben braucht, ein Platz ist, um sich hinzulegen, und eine Hand, um die Augen zu beschatten.

-aldus



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