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Im Leiden verbunden. Franz Marcs ‚Tierschicksale’ verlässt den kunstgeschichtlichen Streichelzoo.

K

ein zweiter Maler hat Schönheit und Würde der Tiere, ihre Lebensfreude und Anmut, ihren Stolz und stillen Ernst so anteilnehmend festgehalten wie Franz Marc. Wie weit die Einfühlung des Künstlers ging und dass sie auch Abgründe nicht scheute, zeigt Marcs ‚Tierschicksale‘. In monumentalem Format (1,95 x 2,64 Meter) entwirft das Gemälde das Bild einer Katastrophe von — jedenfalls für die Tierwelt — apokalyptischen Ausmaßen. Der ursprüngliche Titel lautete: „Die Bäume zeigen ihre Ringe; die Tiere ihre Adern“, rückseitig ist notiert: „Und alles Sein ist flammend Leid.“ Inspiriert wurde Franz Marc zu dem Gemälde durch die Lektüre von Flauberts ‚Legende von Sankt Julian dem Gastfreundlichen‘. Dort wird ein Waldbrand geschildert, auch in seiner Auswirkung auf die Tierwelt. Einige Tiere flüchten, am Waldrand sind Hirsch und Hindin mit einem Jungen zu sehen. Das Kitzlein wird von einem Jäger getötet — „Da stöhnte seine Mutter, zum Himmel aufblickend, mit einer tiefen, herzzerreißenden, menschlichen Stimme.“ Zynischerweise wurde Franz Marcs ‚Tierschicksale‘ selbst Opfer einer Brandkatastrophe, die es zu einem knappen Drittel zerstörte. Von Paul Klee wurde es nach einer Vorstudie und Fotographien wieder ergänzt (die nachgedunkelte Partie rechts).

franz-marc-tierschicksale Franz Marcs ‚Tierschicksale‘ wird im ersten Eindruck bestimmt vom bedrohlich-zackigen Rot und Schwarz der Brandkatastrophe — ein brennender Stamm stürzt um, Feuer regnet herab —, auf die Tiere in leuchtend reinen Farben unterschiedlich reagieren: Links oben wenden sich zwei Pferde zur Flucht, das rechte jedoch in die falsche Richtung, ins Zentrum des Brandes. Wie in Vorwegnahme seines Schicksals sind auf seinem Bauch in einem weißen Dreieck Adern sichtbar gemacht. Links unten verweilt ein Wildschweinpaar in einem noch unberührt scheinenden Fleckchen Natur, rechts beobachtet ein Rudel Füchse in duldender, gebannter Haltung das Geschehen. Im Zentrum des Bildes hat ein Reh wie zur Klage den Kopf weit emporgehoben, grelle Strahlen durchschneiden seinen Körper, der umfallende Baumstamm, so scheint es, wird ihm im nächsten Augenblick das Genick brechen. Das Tier lässt an die Hindin aus Franz Marcs Flaubert-Lektüre denken, ist aber auch ohne solche Vorbildung unmittelbar als Symbol des wehrlosen Leidens zu erkennen — es hat dem wütenden Unheil nichts entgegenzusetzen als seinen schneeweißen Hals.

Kaum jemand wäre zur Entstehungszeit des Gemäldes auf die Idee gekommen, sich über das Leiden eines Wildtieres Sorgen zu machen. Geschweige denn, ihm ein Schicksal zuzugestehen. Franz Marcs ‚Tierschicksale’ geht noch einen Schritt weiter: Durch die an den seitlichen Bildrändern zu erkennenden runden Schnittflächen von Bäumen („Die Bäume zeigen ihre Ringe; die Tiere ihre Adern“) sind Tiere und Pflanzen vereint in einem alles Leben umgreifenden Leid- und Schicksalsbegriff („Und alles Sein ist flammend Leid“). Es dürfte keine überzogene Interpretation und auch keine Blasphemie sein, im Schnittpunkt der beiden massiven Diagonalen etwas wie ein Kreuzsymbol zu erkennen. Auch in Leid und Vernichtung ist die Welt eine Schöpfung, ebenso wie in ihrer Erlösung. Leid aber, das verbindet, hört auf, sinnlos zu sein.

Aldus



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