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Bruder Schnee. Franz Marcs ‚Liegender Hund im Schnee‘ träumt von einer gemeinsamen Schöpfung.

E

s ist ein Traum, eine Vision, aber doch eine, deren Faszinationskraft man sich kaum entziehen kann: die Vorstellung, dass erst der Mensch Unfrieden und Gewalt in die Welt brachte, die ohne ihn in vollendetem Frieden ruhte. Immer wieder hat Franz Marc in seinen Gemälden den von ihm vermuteten Urzustand heraufbeschworen, immer wieder der Harmonie im Miteinander von Tier und Natur nachgespürt. Franz Marcs ‚Liegender Hund im Schnee‘ ist eines der anrührendsten Dokumente dieses stetigen Anliegens des Künstlers.

franz-marc-liegender-hund-im-schnee Das Modell für Franz Marcs ‚Liegenden Hund im Schnee‘ gab der sibirische Schäferhund Russi des Künstlers, der auf einer von einzelnen Steinen durchbrochenen Schneefläche ausgestreckt liegt, im Hintergrund zeigt sich das Grün einer nicht näher zu bestimmenden Vegetation. Das Bezaubernde des Gemäldes liegt in der völligen Harmonie, die es ausstrahlt; in deren Kern findet sich, wie im Kern jeder Harmonie, ein Einssein — hier das Einssein von Hund und ihn umgebender Natur. Die Formen des Tiers sind leicht abstrahiert, hin auf eine klare Nüchternheit, auch die Farbe seines Fells ist weniger realitätsgetreu, als dass sie den ruhenden Hund mit einem sanften, friedvollen Schimmer überzieht. Ein besonderes Einssein scheint zwischen Tier und Schnee zu bestehen, den beiden wichtigsten Elementen des Bildes: Es zeigt sich in erster Linie in der gelassenen und doch delikaten Lage des Hundes, der sich nicht in den Schnee eindrückt oder auf ihm lastet, sondern ihn vielmehr kaum zu berühren scheint, so leicht wirkt er auf ihm hingestreckt. Es gibt keinen echten Unterschied, das ist die charmante Behauptung des Gemäldes, zwischen dem Ruhen des Schnees und dem Ruhen des Hundes auf ihm. Es ist ein gemeinsames Ruhen, eine gemeinsame Stille von belebter und unbelebter Materie.

Der Mensch ist gewohnt, nichts geschenkt zu bekommen, alles, was er begehrt, jemand anderem aus den Händen reißen zu müssen. Franz Marcs ‚Liegender Hund im Schnee‘ fasziniert den Betrachter durch die ebenso ferne wie betörende Phantasie einer Welt, in der Wettstreit und Gewalt einer fraglosen Harmonie gewichen sind, in der man sich einfügt, anstatt sich aufzudrängen, in der man seinen Platz nicht erkämpft, erstreitet und behauptet, sondern auf ihm ruht, leicht und schön und selbstverständlich wie frisch gefallener Schnee.

Aldus



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