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Der Gott der Geometrie. Franz Marcs ‚Kleine gelbe Pferde’ entwerfen ein radikal harmonisches Bild der Schöpfung.

„I

ch empfand schon sehr früh den Menschen als hässlich, das Tier erschien mir schöner und reiner.“ Dieses Zitat Franz Marcs macht deutlich, warum sich der Künstler in zahlreichen seiner Werke der Tierwelt zuwandte — ohne allerdings darüber zum Verherrlicher klassischer Naturschönheit in Nachfolge des röhrenden Hirschen zu werden. Denn auch am Tier in seinem Naturzustand fand er „Gefühlswidriges“, wie er es nannte, so dass seine Darstellungen immer abstrakter wurden. Berühmt sind die verschiedenen Tierdarstellungen des Künstlers vor allem für ihre leuchtenden Farben, die meist Bestandteil des Titels wurden, etwas in den Hintergrund geriet über derlei Offensichtlichem die oft subtile Art der Abstraktion auch in der Formgebung der dargestellten Tiere. Beinahe alle seiner Tiergemälde zeigen neben abstrakter Farblichkeit auch eine mehr oder weniger schematische Konturierung der Tiere, interessant sind in diesem Zusammenhang vor allem Franz Marcs ‚Kleine gelbe Pferde‘.

franz-marc-kleine-gelbe-pferde Das Gemälde zeigt die gelben Pferde nicht auf einer Weide oder in einer anderen identifizierbaren natürlichen Szenerie, sondern bettet sie in ein höchst reduziertes Umfeld: Das Gemälde steht klar erkennbar im Zeichen der geometrischen Figuren von Kreis und Kugel; den Hintergrund bildet eine blaue Rundung, die unmittelbar an die Erde erinnert — obwohl man bedenken muss, dass zur Entstehungszeit des Werks die blaue Erscheinungsform des Planeten zwar bekannt, aber noch nicht so präsent war wie seit den ersten Weltraumflügen. Links und rechts des blauen Körpers sind weitere Kugeln angeordnet. Die drei ‚Kleinen gelben Pferde’ sind in ihrer Darstellung klar auf die Kreisform hin schematisiert, das Durcheinander ihrer Rundungen wird aufgegriffen von einer Gruppe Wolken im Hintergrund. In der geometrischen Mitte des Bildes schwebt als graues Dreieck der stilisierte Gipfel eines Berges über Wolken und Pferden.

Der erste Eindruck, den Franz Marcs ‚Kleine gelbe Pferde’ beim Betrachter hinterlassen, ist der einer tiefen Harmonie — sowohl zwischen den Tieren und ihrer Umwelt, als auch zwischen den Pferden selbst. Eine Harmonie allerdings, die weniger mit dem Aufenthalt in einem Streichelzoo zu tun hat, als mit einer korrekt gelösten mathematischen Gleichung. Die überlagernden Kreisformen verleihen den Pferden gleichermaßen Geschlossenheit als Gruppe wie auch Offenheit nach Außen; die blaue Form des Hintergrunds umschließt und überdacht die Pferde. Die Vielzahl der roten, kugelförmigen Körper links und rechts lässt an die Gesamtheit der Schöpfung denken, verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Assoziation des grauen Berggipfels mit dem christlichen Symbol des „Auges der Vorsehung“. In Franz Marcs eigener Farbsymbolik steht Gelb für das weibliche, Blau für das männliche Prinzip, die hier in vollendetem Ausgleich zueinander in Beziehung gesetzt sind.

Franz Marcs ‚Kleine gelbe Pferde’ — und darüber täuscht der putzige Titel leicht hinweg — ist ein Entwurf kosmischen Ausmaßes. Belebte und unbelebte Materie fasst er ebenso wie abstrakte philosophische und geometrische Prinzipien zusammen in eine Vision ungekünstelt harmonischer Existenz. Die geistige und intellektuelle Reinheit, um die es Franz Marc ging, der Versuch eines Ausgleichs von Individuum und Schöpfung hat dabei in den hundert Jahren seit Entstehung des Gemäldes nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil.

Aldus



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