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Irdische Zustände. Franz Marcs ‚Kämpfende Formen‘ zeigen, was die Welt zur Welt macht.

W

as kann abstrakte Kunst schon aussagen? Ist Gegenständlichkeit für die bildende Kunst nicht das gleiche wie Grammatik für Sprache oder Tonalität für Musik? Bedeutet Abstraktion nicht zwingend den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit und Beliebigkeit, reduziert sie Kunst nicht zum reinen Dekor? Diejenigen Künstler, die sich als allererste der Abstraktion zuwandten, beabsichtigten jedenfalls das genaue Gegenteil: Sie wollten sich lösen vom Zufälligen der Erscheinungswelt, Formen ihrem wahren Wesen nach begreifen, die Farbe über ihre Stellung als etwas den Dingen nur Anhaftendes hinausheben. Dieser Ansatz, das wissen wir nach einem guten Jahrhundert abstrakter Kunst, hat seine Grenzen. Aber er hat auch seine Möglichkeiten. Franz Marcs ‚Kämpfende Formen‘ zeigen auf beeindruckende Weise, welcher Ausdrucksreichtum auch dem Ungegenständlichen zur Verfügung steht.

franz-marc-kaempfende-formen Das Gemälde teilt sich in zwei Hälften: Die linke bestimmen rote und helle Farben und zugespitzte, klingenartige Formen, rechts dominiert Schwarz und eine Palette von Blautönen, die Formen sind hier runder. In der linken Hälfte sind die Kontraste scharf, die einzelnen Partien sind klar voneinander getrennt, rechts gehen die Farbflächen sanft ineinander über. Kein Zweifel, Franz Marcs ‚Kämpfende Formen‘ dokumentieren einen Angriff: Die rote Form mit den sie umgebenden Krallen und Sicheln attackiert die schwarze, rundlich-defensive Form. Die linke Hälfte dringt auf die rechte ein, das zeigen schon die vielen nach rechts deutenden Spitzen und Zacken, während die dunkle Form diesem Angriff schildartige Bögen entgegenhält. Dieser Vorgang ist unmittelbar einleuchtend und zeigt auf diese Weise die den Farben und Formen schon vor jeder Gegenständlichkeit innewohnenden Eigenschaften (auch wenn die linke Form an einen Raubvogel, die rechte an einen Büffel oder ein ähnliches Tier erinnert): Rote, gelbe, helle Farben und spitze, kontrastreiche Formen wirken aggressiv, während dunkle, ineinanderfließende Farben mit hohem Blauanteil einen defensiven Eindruck auf den Betrachter ausüben.

Durch den Verzicht auf Gegenständlichkeit weitet sich die Auseinandersetzung in Franz Marcs ‚Kämpfenden Formen‘ ins Umfassende und Archaische: Es ist der Kampf und Streit an sich, um den es hier geht, und der zu einem Grundprinzip erhoben wird. Beinahe wie Yin und Yang dringen die Formen aufeinander ein, durchdringen sich und machen sich in der Auseinandersetzung wechselseitig zu dem, was sie sind. Harmonie und Gleichklang sind die Versprechen von Himmel, Paradies und Nirvana, die für das Einssein mit Gott und dem Universum stehen. Die Erde allerdings ist das nicht mehr und noch nicht Eins, und was das bedeutet, bringen Franz Marcs ‚Kämpfende Formen‘ zwingend auf den Punkt.

-aldus



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