franz-marc-im-regen-thumb

Ein kühles Atemholen. Franz Marcs ‚Im Regen‘ erkundet den Rhythmus eines Regenschauers.

I

m Alltag des allergrößten Teils der Bevölkerung ist Regen nicht mehr als ein Störfall, den man unter einem Schirm oder in einem Hauseingang im wahrsten Sinne des Wortes abwettert. In Städten ist seine Entsorgung höchst effizient organisiert — über Regenrinnen und Fallrohre oder aber durch Rinnstein und Gully ab in die Kanalisation und aus den Augen, aus dem Sinn. Franz Marcs ‚Im Regen‘ bietet demgegenüber eine völlig andere Sicht auf das Phänomen — den meisten Büromenschen, die auch in ihrer gut durchgeplanten Freizeit keinen Raum für Störungen vorsehen, dürfte sie mehr als fremdartig anmuten.

franz-marc-im-regen Franz Marcs ‚Im Regen‘ zeigt eine Frau, einen Mann und ihren weißen Hund, die durch einen Wald oder jedenfalls eine üppige Vegetation gehen. Das Paar schützt sich gegen den Regen — beide haben die Arme an den Körper genommen und den Kopf geneigt, ihr Gang scheint jedoch nicht hektisch, sondern ruhig. Der Regen wird zuallererst als ästhetisches Phänomen aufgefasst: In kräftigen Linien fällt er vom Himmel, weiß vor dunklen Flächen, grau und schwarz vor hellen. Zum Teil ist der diagonale Strich seines Falls nur aus der Abgrenzung anderer Farbflächen gegeneinander gebildet. Am roten Baumstamm der linken Bildmitte läuft der Regen sichtbar herab, am unteren Bildrand sind einige runde Tropfen zu erkennen.

Sichtbar und unsichtbar ist Franz Marcs Regen, gleichzeitig tatsächlich im Fallen und auf den Dingen sich zeigendes Wasser wie auch abstraktes Prinzip und Ereignis, das die Welt mit sanfter, kühler Hand in seinen Modus neigt. Diese Neigung, beinahe liegt etwas wie Einkehr in ihr, wird dabei Dingen und Menschen vom Regen nicht herrisch aufgezwungen, es ergibt sich vielmehr etwas wie ein neuer Einklang. Die Augenbrauen der Frau etwa bilden exakt eine Linie mit dem fallenden Regen, auch das ruhige Schreiten der Beine ihres Begleiters nimmt das diagonale Ordnungsprinzip des Regenschauers auf.

Den Regenguss fasst Franz Marcs ‚Im Regen‘ nicht einfach abstrakt und isolierend als störendes Wasser von oben auf, dessen wir uns mit Optimismus und möglichst buntbedruckten Regenschirmen so gut es eben geht erwehren müssen. Franz Marcs Regen ist ein Innehalten der Natur, ein anderer Aspekt ihres Seins, nicht besser und auch nicht schlechter als ein sonniger oder nebliger oder auch windiger Tag und allemal wert, bewusst wahrgenommen zu werden. Es gibt kein gutes oder schlechtes Wetter, wie es keine gute oder schlechte Natur gibt. „The sun always shines on TV“, stellten A-HA völlig richtig fest. Franz Marcs ‚Im Regen‘ zeigt, was uns entgeht.

Aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar