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Mit den Augen eines Schoßhündchens. François Bouchers Portrait Madame de Pompadours gehorcht der Logik des Hofs.

S

ie gilt als der Inbegriff des „Systems Versailles“ — Madame de Pompadour, von 1745 bis zu ihrem Tod im Jahre 1764 Geliebte Ludwigs XV., beherrschte die Kniffe und Winkelzüge des großen Spiels um die Macht vor den Toren von Paris wie keine zweite. Im Alter von neunzehn Jahren prophezeite ihr eine Wahrsagerin, dass sie dereinst die Mätresse des französische Königs werden solle — seit diesem Tag arbeitete sie konsequent auf dieses Ziel hin und suchte, aus großbürgerlichen Verhältnissen stammend, immer wieder die Nähe des Regenten, bis sie schließlich — dreiundzwanzigjährig und bereits zweifache Mutter — Erfolg hatte: Bei einem Maskenball weckte sie das Interesse Ludwigs; nachdem sie sich von ihrem Ehemann hatte scheiden lassen, machte der König sie zu seiner offiziellen Mätresse („maîtresse en titre“) und erhob sie in den Adelsrang einer Marquise mit eigenem Landsitz und Wappen.

francois-boucher-madame-de-pompadour François Bouchers Portrait Madame de Pompadours zeigt sie im Alter von 34 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Stellung bei Hofe — gerade hatte sie die Königin selbst zur Herzogin von Menars ernannt. Der Maler inszeniert sie als eine Dame, die nicht nur in großem Überfluss lebt — der Stoff ihres Kleides dürfte für drei Gewänder bürgerlichen Schnitts ausgereicht haben —, sondern vielfältigsten musischen Interessen nachgeht: In der Hand hält sie ein aufgeschlagenes Buch, von dem aufblickend sie ihren eigenen Gedanken nachzugehen scheint; der Spiegel im Hintergrund zeigt ein ganzes Bücherregal, weitere Bände finden sich auf und unter dem Beistelltisch (dessen elegante Formgebung bewusst macht, dass zu Zeiten Madame de Pompadours „Louis Quinze“ noch kein Möbelstil war, sondern ein Mann aus Fleisch und Blut, genauer gesagt: der Liebhaber der Portraitierten). Offensichtlich war Boucher daran gelegen, den Gebrauchscharakter der Bände für Madame de Pompadour zu betonen, die Art, in der er sie drapiert, stellt elegante Nachlässigkeit zur Schau, ohne den Eindruck hässlicher Unordnung zu erwecken.

Weitere Insignien, mit denen François Boucher Madame de Pompadour ausstattet, sind Zeichnungen und Notenblätter sowie auf dem Tischchen eine Kerze, Siegelwachs und ein Ring mit dem Staatssiegel, die auf den tatsächlich immensen politischen Einfluss der Marquise verweisen. Vor allem aber bettet er seine Madame de Pompadour in Rosen: Ihr Kleid ist übersät davon, in ihrem Haar finden sie sich, auf Büchern, auf den Verzierungen der Polster und des Spiegelrahmens, selbst auf dem Boden, zu Füßen ihres Hündchens Mimi liegen sie verstreut.

François Boucher bewegt sich fest in den argumentativen Bahnen des Rokoko, den nur Anmut und Leichtigkeit interessieren und bei dem selbst Tiefsinn noch eine blattgoldüberzogene Pose ist (wie das Vergänglichkeitssymbol der Uhr mit dem brütenden Putto im Spiegel). Niemand am Hofe Madame de Pompadours — und ganz sicher nicht ihr Günstling Boucher — hätte sich zu erkundigen gewagt, mit welchem Recht die Marquise nicht nur auf Kosten eines ausgehungerten Volkes in verschwenderischem Saus und Braus lebte, Posten vergab und Schlösser errichten ließ, sondern 1757 auch noch ganze drei Armeen nach Österreich ins Verderben schickte (der Ausspruch „nach uns die Sintflut“ stammt von ihr). François Boucher interessiert das alles nicht. In seinem Portrait Madame de Pompadours entwirft er das Ideal eines Lebens, bei dem vor lauter Schönheit niemand auf die Idee kommt, zu fragen, ob es denn gut, ob es gerecht — oder ob es auch nur in sich sinnvoll ist. Wie alle anderen Höflinge nimmt er die Perspektive Mimis ein, und eine andere hätte im Versailles dieser Zeit auch niemand geduldet. Keine drei Jahrzehnte nach dem Tod Madame de Pompadours allerdings bekam die französische Aristokratie zu spüren, dass aus Schoßhündchen, die man nicht mehr füttern kann, Bluthunde werden.

Aldus



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