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aldus- Sterben als Aufbruch. Egon Schieles ‚Agonie‘ und die Euphorie der Todesnähe.

E

s ist die Phase des Lebens, von der niemand so recht etwas wissen möchte: Die Agonie, die letzten Augenblicke vor dem Tod. Doch Egon Schiele, der auch sonst nicht zögerte, hinzuschauen, wo andere sich vornehm abwenden, nimmt dem Sujet jedes Grauen: Seine ‚Agonie‘ ist kein Todeskampf, sondern ein erleichtertes Abwenden, ein euphorischer Aufbruch.

schiele-agonie Ihre Dynamik entwickelt Schieles ‚Agonie‘ aus dem Gegensatzpaar der beiden Mönche, dem Sterbenden und einem behäbigen, bärtigen Frater, der ihm das letzte Geleit gibt. Die Räumlichkeit dieses letzten Lagers wird ebenso wie die Körper der beiden Mönche fast völlig aufgelöst in ein Nebeneinander farbiger Flächen, in dem nur die Gesichter und Hände der Dargestellten klar auszumachen sind. Aus der Kombination dieser Elemente entwickelt Schiele eine suggestive Kraft, die in rein gegenständlicher Malweise kaum zu erzielen wäre. Jedem der beiden Mönche kommt durch die Anordnung der Farbflächen eine dreieckige Form zu: Das Dreieck des Bärtigen ist breit und ruhend, das des Sterbenden läuft spitz auf einen Punkt links außerhalb des Bildes zu; auch in Mimik und Gestik wird klar: Der Todkranke will aufbrechen, der Bruder ihn zurückhalten. Während der Sterbende mit weit aufgerissenen, unwirklich wie von Begeisterung geröteten, leuchtenden Augen sich einem fernen Punkt zuwendet, legt der Bärtige beide Hände auf ihn und neigt seinen Kopf wie in Verneinung dieses Aufbruchs auf die Brust, mit seinem sich senkenden Blick hält er den Kranken fast physisch fest, die Blickachse ist überdeutlich bis hin zum Kopf des Sterbenden gezogen. Doch der bricht diese Achse mit seiner rechten Hand, die er wie abwehrend erhebt.

Schieles ‚Agonie‘ setzt meisterhaft auf Farben (erdige Töne beim Gesunden, ätherische und rötliche beim Sterbenden) und das komplizierte, doch unmittelbar einleuchtende Spiel der Gesten und Formen, um seine Botschaft zu transportieren: Das Ende aller Wege ist der Beginn der größten Reise. Oder, wie eine greise Bayerin im Film ‚Wer früher stirbt, ist länger tot‘ auf verstörend optimistische Weise frohlockt: „Sterben, des is fei was schens!“

-aldus



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