hopper-room-in-new-york-thumb

aldus- Im Wohnzimmer unserer Seele: Edward Hoppers ‚Room in New York‘ packt die ganze Welt in ein winziges Apartment.

E

in Bild ist eine Bühne. Wenn man an die epischen Schlachtengemälde und opulenten Schaustücke denkt, die der Historismus noch an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert auf Leinwände im Riesenformat bannte, so wird die Nüchternheit und Bescheidenheit des nur wenige Jahrzehnte später malenden Edward Hopper um so bezwingender: Ein Mann, eine Frau, ein kleines Zimmer. Hoppers ‚Room in New York‘ legt eine geradezu ungeheuerliche Ökonomie der erzählerischen Mittel an den Tag. Und erzählt wird in diesem Bild etwas, auch wenn scheinbar nichts passiert.

Ein Mann, offensichtlich gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, sitzt in einem Sessel und liest mit gebannter Aufmerksamkeit in der Zeitung. Die Frau, offensichtlich seine Ehefrau, sitzt ihm halb zugewendet und halb an einem Klavier, auf dem sie nachdenklich mit einem Finger Töne anschlägt, von ihrem Mann durch eine Tür im Hintergrund wie durch eine massive Mauer getrennt. Ihr leuchtend rotes Kleid scheint um die Aufmerksamkeit des Ehemanns zu betteln, doch in ihrer Haltung wird klar, dass sie sich ihrer eigenen Überflüssigkeit traurig bewusst ist.

hopper-room-in-new-york Hoppers ‚Room in New York‘ zeigt also die alltäglichste aller Situationen, eine Ehe, in die Routine eingekehrt ist, in der die Leere überhandgenommen hat, und das wahrscheinlich, ohne dass sich jemand etwas zuschulden kommen ließ. Denn der Mann ist immerhin ordentlich gekleidet und frisiert, er trinkt nicht in einer Bar, sondern ist zu Hause. Doch die Sehnsucht seiner Frau nach Romantik stillt er nicht und er könnte es wohl auch nicht, wenn er die Zeitung beiseite legte. Frühere Maler zeigten Romeo, wie er Julia das erste Mal begegnet, Alexander, wie er die persische Armee bezwingt, warfen farbenprächtige Märchen- und Sagenwelten auf die Leinwand. All diese Bilder sind sicher schön. Doch Hoppers ‚Room in New York‘ ist mehr als das: es ist wahr.

Hopper erzählt hier keine einmalige, individuelle Geschichte, das sagt schon der Titel des Bildes: ‚Room in New York‘: Ein Raum, irgendein Raum, noch dazu ein ziemlich kleiner, in einer riesigen Stadt. Der Raum befindet sich nicht einmal in der Mitte des Bildes, wie zufällig ist er nach rechts oben verrutscht, die Position des Beobachters scheint eine völlig unmögliche: irgendwo vor den Fenstern eines Hochhauses. Jeden Augenblick, diesen Eindruck vermittelt der Bildausschnitt, könnte die Ansicht herauszoomen, den Blick auf das Gebäude, die ganze Stadt weiten, die voll ist von Räumen mit Menschen, die zusammen sind und doch allein. Nach dem Ende aller Geschichten, das zeigt Hoppers ‚Room in New York‘, bleibt etwas, auch wenn die Geschichte gut ausgeht und eine hübsche Frau mit einem stattlichen Mann in einem schönen Apartment in einer prächtigen Stadt wie New York anlangt, es bleibt eine Lücke zurück, die nicht gefüllt wird, es bleibt Sehnsucht. Und bei allem Pessimismus, den man Hopper immer wieder nachgesagt hat: Sich diesem Gefühl zu stellen ist allemal besser, als es zu leugnen und sich stumm in den Alltag zu fügen. Madame Bovary hätte dieses Bild geliebt. Aber das ist eine neue Geschichte.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar