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Das Nichts ist ein großzügiger Gastgeber. Edward Hoppers ‚Nighthawks‘ entwirft einen Bahnhof nur aus Abstellgleisen.

Edward Hoppers ‚Nighthawks‘ ist ein unauslöschlicher Teil des modernen Bildgedächtnisses geworden, wie ein roter Faden ziehen sich die Bearbeitungen und Parodien durch die vergangenen Jahrzehnte der Kulturgeschichte. Erstaunlich für ein Bild, auf dem eigentlich so wenig zu sehen ist. Ein namenloses Diner in einer namenlosen amerikanischen Stadt, darin drei Gäste und der Bedienstete, niemand spricht, nicht einmal Blicke treffen sich. Und doch ist man sofort gefangen in diesem Bannkreis, der sich in leuchtendem Grün um die Dargestellten zieht.
Hoppers ‚Nighthawks‘ (der unpassend eingedeutschte Titel ‚Nachtschwärmer‘ taucht noch ab und an auf) fesselt vor allem durch das, was es nicht zeigt: Keine Menschen auf der Straße, die Fenster schwarz wie leere Augenhöhlen, nicht einmal in den Auslagen der Schaufenster ist etwas zu sehen. Die Rückenfigur wirkt gleichzeitig angespannt und zusammengesunken, nichts und niemand scheint ihn aus seiner selbstgewählten Isolation reißen zu können. In den Gesichtern des Paares haben Alter und Resignation ihre Spuren hinterlassen, auch das auffällig rote Kleid, die offensichtlich gefärbten Haare und die üppig geschminkten Lippen der Frau können nichts am geradezu körperlich fühlbaren Desinteresse ihres Begleiters ändern. Wie um jede tiefergehende Interpretation zu verhöhnen, prangt über allem am oberen Bildrand Werbung für eine billige Zigarrenmarke.
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Notorisch ist in den verschiedenen Deutungen immer wieder von der Zeitsituation zu lesen: Hoppers ‚Nighthawks‘ entstand kurz nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, Amerika befand sich also im Krieg, die Wirtschaft lag darnieder etc. pp. Doch damit ist nichts erklärt. Das gleichzeitig bedrückende und dabei doch faszinierende Gefühl größtmöglicher Nüchternheit und Resignation, das sich unmittelbar auf den Betrachter überträgt, ist unabhängig von jeder zeitgeschichtlichen Situation, anders ließe sich die nicht abreißende Beliebtheit des Gemäldes auch nicht erklären. Es ist schlicht das Nichts, das einen in diesem Bild aus seinen großen Augen anschaut. Hoppers ‚Nighthawks‘ unternimmt eine Inventur der Seele — und findet alle Regale leer vor.

Die Gäste des Diners entsprechen in ihrer Kleidung recht genau unserer Vorstellung von Schauspielern dieser Zeit — nicht von ungefähr setzte eine spätere Bearbeitung unter dem Titel ‚Boulevard of Broken Dreams‘ (1984) James Dean, Humphrey Bogart und Marilyn Monroe an die Stelle der Gäste. Doch Haltung und Gesichter der Dargestellten in Hoppers ‚Nighthawks‘ zeigen, dass jedenfalls ihr Film lange vorbei ist. Egal wie leuchtend oder düster die wirtschaftlichen oder politischen Zustände auch sein mögen: Dass mitten in der Nacht der gemütlichste denkbare Aufenthaltsort ein halbleeres Diner sein soll, diese Vorstellung ist ebenso absurd wie unmittelbar glaubwürdig.

-aldus



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