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Pegasus über dem Abgrund. Edward Hoppers ‚Gas‘ macht Optimismus zu einer Sache des Betrachters.

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ie kein zweiter hat sich Edward Hopper in seinen Gemälden immer wieder auf die Nebenschauplätze des großen Welttheaters eingelassen, auf einsame Menschen und Straßen, auf Abseitiges und Verfallenes, auf scheinbar unbedeutende Augenblicke. Seine Besonderheit ist hierbei die große Nüchternheit, mit der er seine Objekte betrachtet, Wehleidigkeit und Klage sind ihm fremd, er verfolgt kein soziales oder philosophisches Programm, sondern versucht mit größter Genauigkeit und Intensität, die je eigene Atmosphäre der Situation einzufangen. Verschiedentlich hat er sich Menschen zugewandt, die im Wartungstrakt des Lebens beschäftigt sind, deren Aufgabe es ist, anderen bei Wichtigerem oder Schönerem behilflich zu sein. Bekannt ist seine versunken für sich stehende Platzanweiserin eines Kinos, nachdem der Film begonnen hat (‚New York Movie‘), und vor allem Hoppers ‚Gas‘ (deutsch ‚Benzin‘). Es ist, also ob diese explizit dienende Tätigkeit der Dargestellten Hopper erlaubte, klarer herauszuarbeiten, was auch in anderen seiner Gemälde von zentraler Bedeutung ist. Denn in der Abwesenheit stolzer Selbstverständlichkeit wird der Blick des Betrachters sensibilisiert für die subtileren Nuancen von Schönheit, die recht eigentlich der Bereich Hoppers sind.

edward-hopper-gas Edward Hoppers ‚Gas‘ zeigt eine kleine Tankstelle an einer offensichtlich wenig befahrenen Straße, ein Mann mittleren Alters, möglicherweise der Besitzer der Tankstelle, ist an einer der Zapfsäulen beschäftigt. Das Licht des Tages ist im Verschwinden begriffen, von rechts fällt ein heller Schein aus dem Tankstellenhäuschen auf den Vorplatz; den Hintergrund bildet der Rand eines dichten Waldes, der schon weitestgehend von der Dämmerung verschluckt ist. Mit ihren leuchtendroten Zapfsäulen, dem hoch aufragenden Mast und dem aufsteigenden Pegasus als Wappentier hat die Tankstelle etwas von einem trotzig sich behauptenden Außenposten, alles ist sauber und gut instandgehalten, auch der Besitzer oder Pächter macht in seiner gepflegten Kleidung keinen heruntergekommenen Eindruck. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass sein Posten ein verlorener ist. Etwas ist auf dem Vormarsch, insbesondere der finstere Waldrand macht einen bedrohlichen Eindruck, beinahe glaubt man zu spüren, wie das Dunkel herankriecht, die Straße rechts jedenfalls ist schon wie in einem bodenlosen Loch verschwunden. Auch die Natur scheint sich ihr Territorium zurückerobern zu wollen, von allen Seiten dringt das wogende Gras auf die Tankstelle ein, mit einem seiner Äste greift ein Baum geradezu nach ihrem Mast.

So wird man auch Edward Hoppers ‚Gas‘ nicht mit einer Interpretation gerecht, die eine klare Bildaussage konstatieren möchte. Die einzelnen Hinweise, die das Bild gibt — farbenfroher Optimismus und Ordnung auf der einen, bedrohliche Natur auf der anderen Seite — sind sorgfältig gegeneinander abgewogen, so dass es letztlich im Temperament des Betrachters liegt, welchen Eindruck dieses Bild bei ihm hinterlässt. Mit herausposaunten Stellungnahmen will also auch Hoppers ‚Gas‘ nicht dienen, einmal mehr jedoch zeigt es das unnachahmliche Talent des Künstlers: Der stille Friede und die milde Lichtstimmung, die Hopper hier eingefangen hat, legt eine tiefsinnige Klarheit über die Szene, die das eigentlich Banale des Dargestellten durchdringt, die etwas sagt über das Leben eines jeden Menschen, egal für wie wichtig oder unwichtig er es hält, und in dem allemal ebenso leuchtendes Rot wie tiefstes Schwarz seinen Platz hat. Trotz aller Einsamkeit liegt Zufriedenheit und etwas wie Glück im Glanz der Zapfsäulen, im sauber gestrichenen Tankstellenhaus mit seinem kleinen Türmchen und auch im konzentriert arbeitenden Besitzer, der seine Kunden sauber frisiert und mit Krawatte bedient. Mag das Schwarz der Zukunft diese Tankstelle auch verschlucken — diesen Augenblick wird es nicht ungeschehen machen. Und wenn Hoppers ‚Gas‘ doch so etwas wie eine Aussage hat, eine Aufforderung an den Betrachter, dann sicher nicht, selbstmitleidig und mit großen Augen in den Abgrund zu starren. Sondern den Zapfhahn wieder an seinen Platz zu hängen.

Es ist keine Kunst, von der Schönheit des Lebens in einem offenen Sportwagen an einem lauen Sommerabend zu erzählen. Die Schönheit der einsamen Tankstelle und ihres müden Besitzers allerdings, die das Cabrio soeben hinter sich gelassen hat — für diese Schönheit braucht es die Kunst Edward Hoppers.

Aldus



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