edward-hopper-automat-thumb

Zur Einsamkeit gehören immer zwei. Edward Hoppers ‚Automat‘ stellt seinen Betrachter vor eine Entscheidung.

W

ie kaum ein zweiter Maler hat Edward Hopper den modernen Großstadtmenschen in seiner Isolation und metaphysischen Ortlosigkeit portraitiert. Wenige seiner Gemälde allerdings zeichnen ein so schwarzes Bild wie Hoppers ‚Automat‘. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Bild wird dominiert von der riesigen schwarzen Scheibe eines nächtlichen Automatenrestaurants, vor dem eine junge Frau allein eine Tasse Kaffee trinkt. Die Einrichtung des Restaurants ist höchst spartanisch, eine Schale mit (Plastik-)Früchten vor dem Fenster wirkt wie ein fast schon ironischer Versuch der Auflockerung. Das Geschehen könnte statischer kaum sein — und doch bringt Hopper auf subtilen Wegen Dynamik in das Bild.

edward-hopper-automat Da ist zunächst einmal die doppelte Lampenreihe des Restaurants, die sich im Fenster des Restaurants spiegelt. Obwohl in einer Großstadt eigentlich Lichter auf der Straße zu sehen sein sollten, ist das Außen der Szenerie pechschwarz. Der Ausblick könnte genausogut der vom letzten Saturnmond in Richtung äußeres Sonnensystem sein, auch dann wäre er nicht finsterer. Mit diesem eigenwilligen Kunstgriff entfaltet die Lampenreihe in Hoppers ‚Automat‘ einen finster-kraftvollen Sog in leeres Schwarz hinein; diesem Sog scheint sich auch die am Tisch Sitzende nicht entziehen zu können. Zumal sie nur einen Handschuh ausgezogen hat (um die Tasse besser halten zu können), gewissermaßen also „auf dem Sprung“ ist. Dass sie so offensichtlich unterwegs ist weckt Unbehagen, bedenkt man die Autobahn ins Nichts über ihrem Kopf.

Doch bringt ein weiteres Element in Hoppers ‚Automat‘ noch eine ganz andere Art Dynamik ins Bild: Die dunkle Stuhllehne am unteren rechten Bildrand. Ganz offensichtlich gehört sie zu dem Tisch, an dem der Betrachter sitzt. Abweichend von zahlreichen anderen Werken Hoppers ist hier der Blickpunkt also kein abstrakt schwebender, sondern ein höchst praktischer: Der Betrachter sitzt mit der jungen Frau gemeinsam im Automatenrestaurant. Vielleicht kommt im nächsten Augenblick der Verlobte der Frau zur Tür hinein und das nachtschwarze Bild löst sich in Wohlgefallen auf. Vielleicht aber auch nicht und dann macht Hoppers ‚Automat‘ die Abgründigkeit seiner Aussage vom Einfühlungsvermögen des Betrachters abhängig: Der nächste Augenaufschlag der Frau könnte ihm gelten. Die Frage ist, ob sie mehr sehen wird als das teilnahmslose Nichts in ihrem Rücken.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar