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Nur weil ich paranoid bin, heißt das noch lange nicht, dass keiner hinter mir her ist. Edvard Munchs ‚Schrei’ und die Ausweglosigkeit des Ich.

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enn es ein Bild gibt, das die Grundbefindlichkeit der Moderne um das Jahr 1900 auf den Punkt bringt, ist es Edvard Munchs Gemälde ‚Der Schrei‘. Munch schuf zwischen 1892 und 1910 vier verschiedene Fassungen des Bildes in unterschiedlichen Maltechniken, der Bildaufbau ist jedoch stets derselbe: Unter einem unwirklich bewegten Himmel steht im Vordergrund eine schemenhafte Figur auf einer Brücke, ihre Hände sind über die Ohren gepresst, die Augen aufgerissen, der Mund weit geöffnet, wie zu einem Schrei. Am linken Bildrand sind zwei Menschen zu erkennen, es ist nicht klar, ob sie davongehen oder sich der Figur in der Bildmitte nähern. Den Hintergrund bildet eine Bucht, auf der schemenhaft einige Schiffe auszumachen sind. Allen Versionen des ‚Schrei‘ ist vor allem aber die Stimmung gemeinsam, die sie dem Betrachter übermitteln, und die sie mit der Grundstimmung der Zeit um 1900 teilen: Verzweiflung und Angst — diffus zwar, aber unmittelbar existenzbedrohlich.

munch-schrei Munchs ‚Schrei‘ wendet extreme Gestaltungsmittel an, um einen romantisch verfärbten Himmel am Wasser zu einem abgrundtief dunklen Seelenstück geraten zu lassen. Der Himmel weist zum Teil geradezu neurotisch leuchtende Rot- und Orangetöne auf, seine Bewegung ist zutiefst beunruhigend. Auch die eigentlich pittoreske Landschaft kann keinen Frieden vermitteln, am verstörendsten wirkt dabei, dass sie keinerlei Perspektive bietet — ihre Begrenzungen runden sich der Bildmitte zu, sie scheint mit der Leinwand zu enden. Den einzigen Ausweg aus dem wogenden Lasten von Himmel und Landschaft scheint in Munchs ‚Schrei‘ die Brücke oder der Steg zu bilden, auf dem die verzweifelte Figur des Vordergrunds steht. Doch dieser Ausweg wird versperrt durch die zwei dunklen Gestalten am linken Bildrand.

All die konventionellen Bildelemente wie roter Himmel, Bucht und Segelschiffe führen in die Irre: Munchs ‚Schrei‘ ist kein Landschaftsgemälde. Mögen einzelne Interpretationen auch reale Vorbilder identifizieren — für dieses Gemälde hat Edvard Munch sein Atelier, ja, seinen Kopf nicht verlassen. Die Landschaft ist die Landschaft einer verzweifelten Seele, und so stößt das gesamte Bild den titelgebenden Schrei aus, nicht nur die Figur im Vordergrund. Was genau der Grund für die Verzweiflung ist — auch hierzu gibt es die unterschiedlichsten Deutungen, doch ist diese Frage nebensächlich. Die Leistung dieses Gemäldes ist es, in bedrückender Eindringlichkeit eine ganze Welt aus Verzweiflung geschaffen zu haben, eine Welt, die jeder von uns in mehr oder weniger hoher Intensität schon einmal kennengelernt hat. Eine Welt, aus der es im schlimmsten Fall ebensowenig ein Entkommen gibt, wie aus dem eigenen Ich. Die geradezu stupende Bekannt- und Beliebtheit des Bildes bis in die Jetztzeit wäre ohne diese Universalität der Aussage undenkbar.

Die diffusen Ängste und Alpträume der Zeit um 1900 wurden bekanntlich grausige Realität, und auch die Paranoia des Bildes selbst scheint sich auf seltsam handgreifliche Weise bewahrheitet zu haben: 1994 wurde eine, 2004 eine weitere Version von Munchs ‚Schrei‘ gestohlen, beide tauchten wieder auf, eines davon jedoch mit irreparablen Schäden. Ausgerechnet dieses wurde dann auch noch Opfer eines Attentats, bei dem die Leinwand des Gemäldes mit einem Messer traktiert wurde. Die Konsequenz, mit dem dieses Bild seiner Aussage treu bleibt, ist beängstigend.

-aldus



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