edgar-degas-taenzerin-thumb

Die Summe aus Kunst und Kenner. Edgar Degas‘ ‚Tänzerin‘ zelebriert den wertvollsten Augenblick einer Aufführung.

D

ie Bühne ist sehr viel mehr als ein erhöhtes Podest für Aufführungen aller Art. Sie ist ein lebendiger Organismus, ein Phänomen, bestimmt nicht allein vom Auftretenden, sondern von tausend anderen Faktoren: vom Publikum, der Atmosphäre im Saal, der Musik, dem Licht … und nicht zuletzt von denen, die gerade nicht auftreten dürfen. Die Bühne ist ebenso die Grenze zwischen Künstler und Kenner wie das Mittel ihrer Überwindung — in den gelungensten Augenblicken inszeniert sie eine geradezu magische Wechselbeziehung zwischen der Erwartung der Zuschauer und der Hingabe des Künstlers. Wobei das eine das andere gleichzeitig voraussetzt und hervorbringt: Das Publikum braucht die Kunst, die Kunst braucht das Publikum, und anders als in der Literatur oder Malerei werden auf der Bühne beide Erwartungen gleichzeitig erfüllt — im Idealfall. Eindrücklich festgehalten ist ein solcher Augenblick in Edgar Degas‘ ‚Tänzerin‘ (auch ‚Der Stern‘ von der höchsten Rangstufe „étoile“ für einen Solotänzer der Pariser Oper).

edgar-degas-taenzerin Das Pastell zeigt die Tänzerin aus erhöhter Perspektive (wohl aus einer Loge heraus) unmittelbar nach dem Betreten der Bühne — mit großem Gespür für die Dynamik des Augenblicks: Während im Hintergrund andere Mädchen gesichtslos, verhalten und stockbeinig auf ihren nächsten Auftritt warten, wirft sich die Solotänzerin bestimmt und voll Anmut in die Arme des Publikums, verkörpert durch das Licht. Denn bleibt der Zuschauerraum hinter dem Glanz der Scheinwerfer auch pechschwarz, so kann die Tänzerin die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums in der Hitze der Leuchten doch geradewegs auf der Haut spüren. Degas‘ ‚Tänzerin‘ kostet diese beinahe erotische Beziehung zwischen Tänzerin und Licht voll aus: Der Glanz der Scheinwerfer löst den Tüll des Tutus fast auf, er durchdringt den Stoff und wirft von schräg unten ein unnatürliches, seltsam faszinierendes Schlaglicht auf den Körper der Tänzerin. Ihre Drehung wird sie im nächsten Augenblick frontal in dieses Licht bringen — die Antizipation dieses Augenblicks scheint ein verzücktes Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern.

Als gebe sie sich den Liebkosungen eines Liebhabers hin, genießt Edgar Degas‘ ‚Tänzerin‘ die im Licht gebündelte Aufmerksamkeit des Publikums. Und das, ohne dabei im geringsten eitel zu wirken. Ihre Eleganz, Leichtigkeit und das beseelte Glück ihrer Grazie vergegenwärtigen vielmehr den kostbarsten Moment einer Aufführung: Wenn die hochgesteckte Erwartung eines anspruchsvollen Publikums auf die Darbietung einer dieser Erwartung voll und ganz gewachsenen Kunst trifft, wenn sich das Ich des Zuschauers und das Ich des Darbietenden auflösen zu dem ekstatischen Wir eines einzigartigen Bühnenmoments.

Aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar