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Wie lange bis zur nächsten Revolution? Jacques-Louis Davids ‚Schwur der Horatier‘ macht es dringend.

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ie Französische Revolution hatte viele Gründe, möglicherweise unendlich viele. Aber einer davon war dieses Bild. Dem Gemälde selbst sieht man allerdings zunächst einmal nichts an: Den thematischen Hintergrund von Jacques-Louis Davids ‚Schwur der Horatier‘ bilden die Streitigkeiten zwischen den Städten Rom und Alba Longa in der Zeit von 672 bis 640 v. Chr., von denen der römische Geschichtsschreiber Livius in seinem Werk ‚Ab urbe condita‘ berichtet. Um die Verluste zu begrenzen, beschließen die beiden Parteien einen Stellvertreterkampf zwischen je drei Brüdern; für Rom wird die Familie der Horatier bestimmt, Alba Longa schickt Angehörige der Curiatier in den Kampf. Ein tragisches Element erhält diese Vereinbarung durch die verwandtschaftlichen Bande zwischen den Familien: Eine der Schwestern der Horatier ist mit einem Curiatier verlobt, die Ehefrau eines der römischen Kampfgefährten ist die Schwester eines Kämpfers aus Alba Longa. Die Horatier können den Kampf schließlich für sich entscheiden, doch nur der jüngste Bruder überlebt. Bei seiner Rückkehr betrauert seine Schwester tränenreich den Tod ihres Verlobten – worauf sie ihr Bruder erschlägt, da sie persönliches Wohlergehen über das der Gemeinschaft stellte. Der in Davids ‚Schwur der Horatier‘ so effektvoll in Szene gesetzte Eid kommt allerdings weder bei Livius noch bei einem anderen Autoren der Antike vor.

david-schwur-der-horatier Die eigentliche Inspiration Davids war auch nicht Livius, sondern die Behandlung des Stoffes im Drama ‚Horace‘ Pierre Corneilles, das im Jahr 1782 erstmals in Paris aufgeführt wurde — und das scheint sich unmittelbar in der Gestaltung des Gemäldes niedergeschlagen zu haben: Es präsentiert dem Betrachter das Geschehen wie die Szene eines Theaterstücks geradezu in einem Guckkasten; architektonisch unauffällige Seitenwände begrenzen das Sichtfeld, das einzige hervorstechende Merkmal der Umgebung sind die drei schwarzen Bögen des Hintergrunds, die den drei in grelles Schlaglicht getauchten Figurengruppen korrespondieren: Im Zentrum der zum Eid auffordernde Vater, links die auserkorenen Brüder, deren spontane Begeisterung in der wenig uniformen Armhaltung ebenso deutlich wird wie in ihrem drängenden Voranschreiten, das den Vater unwillkürlich einen Schritt zurückweichen lässt. Die trauernden Frauen im rechten Bildteil stellen Verwandte der Curiatier dar, für die der Kampf, egal wie, nur in einer Katastrophe enden kann; ihre betonte Emotionalität lässt die eiserne Entschlossenheit der Brüder um so klarer hervortreten.

Tatsächlich ist Davids ‚Schwur der Horatier‘ vor allem ein Meisterwerk des Weglassens und der Konzentration: Die klare Nüchternheit seines Aufbaus, die das Gemälde zu einem Gründungsbild des Klassizismus macht, nimmt Abschied von der duftigen Verspieltheit des Rokoko und lenkt ebenso wie die bühnenartige Präsentation die Aufmerksamkeit auf das Dargestellte. Doch auch die grellbeleuchteten Personengruppen verweisen nur: Die Frauen und der zurücktaumelnde Vater auf die Entschlossenheit der drei Brüder und diese wiederum, von denen nur der vorderste ganz zu erkennen ist, auf das, was das eigentliche Zentrum des Bildes ausmacht: die Schwerter. Nicht Emotionen oder Details der Handlung, die so genau auch kaum einer der zahlreichen begeisterten Betrachter gekannt haben dürfte, stehen also im Mittelpunkt dieser enormen Konzentrationsanstrengung, sondern nichts als die schiere Tat, verkörpert durch ihre Instrumente, die Schwerter.

Obwohl vom Maler diese Interpretation kaum intendiert gewesen sein dürfte — Auftraggeber war ein Minister Ludwigs XVI. —, wirkte Davids ‚Schwur der Horatier‘ mit seinem Tatendrang in der aufgeheizten Stimmung seiner Zeit geradewegs wie ein Aufruf zum Widerstand gegen staatliche Autorität und Willkür. Das Gemälde wurde zu einem Programmbild der Französischen Revolution, die fünf Jahre später ausbrach, und ihr weiterer Verlauf brachte David einen Sitz im Nationalkonvent ein. Der tief beeindruckte Blick des kleinen Jungen, der sich von seiner Mutter nicht die Augen bedecken lässt, scheint dabei die Wirkung des Bildes vorweggenommen zu haben: Die Gegenwart der Vergangenheit kann die Zukunft verändern. Und sei es ein Bild der Erinnerung oder eines in Öl: Wer die Macht über die Bilder hat, hat die Macht über die Menschen.

-aldus



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