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Hier entlang zur Unsterblichkeit! Jacques-Louis Davids ‚Napoleon überquert die Alpen‘ hält Frankreichs größtem Feldherrn den Steigbügel.

E

s ist bekannt, dass der Sieger die Geschichte schreibt. So wird Geschichtsschreibung zu einer Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln — und genügend Schlachten wurden nicht auf dem „Feld der Ehre“, sondern auf Leinwand und Papier gewonnen. Ein Beispiel dieser Art der Kriegsführung ist Jacques-Louis Davids ‚Napoleon überquert die Alpen‘ (auch ‚Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard‘). Das Gemälde zeigt in monumentalem Format (259 mal 221 cm in der ersten Version) den Feldherrn, wie er seine Truppen zum Marsch den Pass hinauf anspornt. Nachdem während des Zweiten Koalitionskriegs (1799—1802) österreichische Truppen in die zu Frankreich gehörende Lombardei eingefallen waren, brach Napoleon zu seinem zweiten Italienfeldzug auf. Um die Österreicher zu überraschen und ihre Versorgungslinien abzuschneiden, überquerte er am 17. bis 20. Mai 1800 den Großen-Sankt-Bernhard-Pass, am 14. Juni gelang es ihm in der Schlacht bei Marengo, den Österreichern eine Niederlage beizubringen.

jacques-louis-david-napoleon-ueberquert-die-alpen Jacques-Louis Davids ‚Napoleon überquert die Alpen‘ verdient ohne jeden Zweifel die Bezeichnung Propagandagemälde. Um die Details des militärischen Unterfangens unbekümmert lässt es Napoleon wie ein Naturereignis erscheinen, das kein Widerstand aufhalten kann, nicht einmal das größte Gebirge, das Europa zu bieten hat. Mit finster-entschlossener Mine sitzt Napoleon auf seinem effektvoll aufsteigenden, Maul und Augen wild aufreißenden Streitross. Die Hand des Feldherrn weist nach links, über die Alpen. Ein scharfer Wind geht wie zur Unterstützung in seinen Rücken, weht Schweif und Mähne des Pferdes und den leuchtendroten Umhang des Reiters ebenfalls nach links, in Richtung des zu überwindenden Hindernisses. Theatralisch zerrissene Wolkenformationen ziehen über die Szene, ein starker Regenguss scheint im Hintergrund herabzuprasseln, während andernorts einzelne Flecken blauen Himmels sichtbar bleiben. Der unbeugsame Entschluss Napoleons, die Alpen zu überqueren, scheint nicht nur sein Pferd, sondern selbst die Natur zu bezwingen, die zu ebenso dramatischen Äußerungen bewegt wird wie das Tier mit seinem irren Blick. Wie ein Unwetter, diesen Eindruck erweckt das Bild, wird Napoleon bald über die jenseitigen Alpengebiete niedergehen. Am rechten Bildrand ist derweil die Trikolore zu sehen, die Napoleons Unternehmung zu einer Tat von nationaler Bedeutung hebt.

Die Realität sah freilich ganz anders aus. Zunächst einmal war eine Alpenüberquerung von Heeresverbänden zu Napoleons Zeit nichts Heldenhaftes oder auch nur Außergewöhnliches mehr. Zum anderen hat sich die dargestellte Szene nie ereignet, nicht einmal im Ansatz: Napoleon überquerte die Alpen auf einem Maultier in der Nachhut seiner Armee, die Kanonen wurden nicht am Stück den Pass heraufgerollt, sondern zerlegt und ihre Rohre in ausgehöhlten Baumstämmen von jeweils 100 Mann den Berg hinaufgeschleift (freilich ein wenig pittoresker Anblick). Schließlich war Napoleon zum Zeitpunkt des Feldzugs lediglich Erster Konsul und nicht auf einer Ebene mit den hereinzitierten, ebenfalls alpenerfahrenen Herrschern „ANNIBAL“ (Hannibal) und „KAROLUS MAGNUS“ (Karl der Große) — er wurde erst vier Jahre später Kaiser der Franzosen. Napoleon war auch nicht der einzige Mitwirkende am Sieg von Marengo, nicht weniger als fünf weitere Feldherren hatten an seinem Zustandekommen ebenfalls Anteil. Zudem flammte der Krieg im November 1800 wieder auf und nicht Napoleon, sondern Moreau gelang es nun, den Österreichern die entscheidende Niederlage beizubringen.

Nichtsdestotrotz entstanden mehrere Fassungen des Gemäldes, um Napoleons Interpretation der Ereignisse und damit seinen Ruhm als wichtigster und einzig siegreicher Feldherr zu verbreiten. Der ungeheuer suggestiven Bildsprache von Jacques-Louis Davids ‚Napoleon überquert die Alpen‘ gelingt es, den mühsamen Marsch von Truppen zum Schauplatz einer relativ unbedeutenden Schlacht zu einem Triumph des menschlichen Willens über die belebte und unbelebte Natur hochzustilisieren. Der Rest ist Geschichte.

Aldus



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