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Das kann doch nicht alles gewesen sein! Leonardo da Vincis ‚Johannes der Täufer‘ weiß von mehr als Stadt, Land, Fluss.

V

ieles, vielleicht sogar das Wichtigste im Leben beginnt mit dem Glauben oder der Gewissheit, dass es etwas gibt, das größer ist als man selbst. Unsere heutige Zeit tut sich hier schwer, steht doch das Individuum so hoch im Kurs, dass jeder Gedanke über den einzelnen und seinen Willen hinaus schnell als schiere Blasphemie angesehen wird. Die Leichtigkeit und Natürlichkeit aber, mit der Leonardo da Vincis ‚Johannes der Täufer‘ über sich selbst hinausweist, dürfte selbst den überzeugtesten Individualisten anrühren.

leonardo-da-vinci-johannes-der-taeufer Johannes der Täufer gilt dem Christentum als der wichtigste Wegbereiter Christi, er lebte asketisch, predigte, taufte und verkündete das Kommen eines, der größer ist als er selbst. In Jesus, der zwischenzeitlich zu seinen Anhängern zählte und den er im Jordan taufte, erkannte er den von ihm angekündigten Messias. Leonardo da Vinci zeigt Johannes nackt, als Einsiedler, Pelz und Kreuz wurden sehr wahrscheinlich von einem späteren Maler hinzugefügt. Sie sind nur Beiwerk; die Faszination, die von diesem Gemälde ausgeht, liegt in der ebenso ausgreifenden wie subtilen Geste Johannes des Täufers und dem Lächeln, das in seiner geheimnisvollen Anmutung an das berühmteste Werk Leonardo da Vincis gemahnt. Doch während dem Antlitz der ‚Mona Lisa‘ ein Ausdruck eignet, der zwischen Ernst und tiefgründiger Heiterkeit changiert, lacht Leonardo da Vincis ‚Johannes der Täufer‘ dem Betrachter beinahe ins Gesicht. Es ist allerdings nicht simpler Frohsinn, der aus dem Lächeln des Heiligen spricht, sondern Wissen, eine Einsicht, die so tief ist, dass Johannes ihr sein ganzes Sein unterordnet. Bei alledem hat Leonardos Johannes nichts Unterwürfiges, Sklavisches an sich, sein Dienst als Künder eines Größeren erniedrigt ihn nicht, macht ihn selbst nicht kleiner. Er macht ihn zum Teil von etwas, das unendlich ist.

Die deutende Geste ist in bildlichen Darstellungen Johannes des Täufers nicht ungewöhnlich, meist zeigt der Prophet jedoch neben sich, auf den ebenfalls dargestellten Christus. Oft bleibt es jedoch, etwa im Mittelstück von Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, bei einem etwas pedantisch anmutendem Deuten mit übereifrig durchgestrecktem Zeigefinger; Leonardo da Vincis ‚Johannes der Täufer‘ dagegen gibt keine abstrakte Richtungsangabe mit der Fingerspitze: Seine Geste bezieht den ganzen Körper, sein ganzes Wesen mit ein, sie ist ein Schwung, ein Aufbruch in die Vertikale, dessen Sog den Betrachter unmittelbar mit sich reißt. (Schon die Zeitgenossen Leonardos muss diese Geste beeindruckt haben, sie findet sich in zahlreichen späteren Gemälden nachgeahmt.) Gemeinsam mit dem wissenden Lächeln, dem Ernst der großen Augen und dem eindringlich geneigten Kopf ergibt sich eine Mahnung an den Betrachter, eine Botschaft, die gleichermaßen Einladung wie Aufforderung darstellt: „Ich weiß etwas, das jeder weiß. Auch du.“ Und welche Interpretation man auch anstellt, zu welchem Schluss man kommen mag: Wenn mit Leonardo da Vinci eines der größten Genies der Menschheitsgeschichte über sich selbst hinausweist, sollte man hinschauen.

Etwas gibt es allerdings, von dem selbst der eingefleischteste Individualist eingestehen muss, das es größer ist als er selbst: der Tod. Leonardo da Vincis ‚Johannes der Täufer‘ gilt als das letzte Werk des Künstlers und es ist müßig, darüber zu diskutieren, inwieweit er sein eigenes nahendes Ende im künstlerischen Schaffensprozess mit einbezog, in diesem Bild vielleicht gar ein Vermächtnis hinterlassen hat. Doch eins macht Leonardo mit diesem Bild klar: Er hatte keine Angst vor der Unendlichkeit.

Aldus



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