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Das abschließende Argument. Leonardo da Vincis ‚Letztes Abendmahl‘ beendet einen jahrtausendealten Streit.

U

nter den Millionen und Abermillionen Büchern, die in den Bibliotheken der Welt stehen oder durch ein paar Mausklicks im Internet abzurufen sind — was bedeutet da die Bibel? Unter den zahllosen Heilsversprechen, die schon auf die Menschheit losgelassen wurden, in dem jahrtausendealten Gezänk der Religionsstifter und -anhänger — was bedeuten da die Worte Christi? Leonardo da Vincis ‚Letztes Abendmahl‘ ist eine Antwort auf diese Fragen. Im Auftrag des Herzogs Ludovico Sforza in der Dominikanerkirche Santa Maria della Grazie in Mailand entstanden hält es den Augenblick fest, nachdem Christus beim letzten gemeinsamen Mahl mit seinen Jüngern die Worte ausgesprochen hat: „Einer von euch wird mich verraten.“ Die Reaktionen reichen von ungläubigem Staunen über selbstgerechte Abwehr bis hin zu erregtem Gestikulieren (Judas, vierter Kopf von links, verharrt ruhig und schaut auf einen Punkt über dem Kopf Christi). Frühen Kritikern mutete das aufgebrachte Durcheinander teils seltsam und dem Gegenstand unwürdig an, und doch ist es integraler Bestandteil der künstlerischen Vision.

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Da Vincis ‚Letztes Abendmahl‘ macht auf den ersten Blick sinnfällig, was die Bibel von den Millionen anderen Büchern unterscheidet und was die Worte Christi im endlosen Hin und Her des jahrtausendealten Religionsgezeters hervorhebt: Ruhig sitzt Jesus inmitten seiner vor Entrüstung wogenden Jüngerschar, die Hände in offener, einfacher Geste auf den Tisch gestreckt. Er, den die Tatsache seines nahenden Verrats ja am wirksamsten aufrütteln sollte, zeigt Gelassenheit und Milde. Und so wird da Vincis ‚Letztes Abendmahl‘ über die Illustration dieses einen Augenblicks seiner Geschichte hinaus zum Sinnbild, zu einer Deutung seines gesamten Wirkens auf Erden: Jesus hat den Religionsstreitereien kein neues Argument hinzugefügt — das Wort Argument trägt den „Streit“ schon in seiner Etymologie —, sondern im Gegenteil alle Zwistigkeit und allen Streit beendet durch die umfassende Vergebung, die sein Leben und Leiden für die Menschen bedeutete, sowie durch den Verweis auf die unendliche Liebe Gottes, die sein Wesen und Wirken ausmacht. Keine Zeit wird je einen anderen Eindruck abgegeben haben als die aufgebrachten, streitenden Jünger in da Vincis ‚Letztem Abendmahl‘. Und ebenso zeitlos ist die Alternative, die Jesus Christus darstellt und die da Vinci so unnachahmlich einleuchtend auf den Kirchenputz gebannt hat: Liebe statt Hass, Vergebung statt Aufwiegelung, Klarheit statt Zerrissenheit, Einfachheit statt sich selbst verzehrender Komplexität. Und glaubt man der Bibel und glaubt man Leonardo da Vinci, so steht das Angebot noch immer.

-aldus



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