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Die Möglichkeiten von Wissen — und seine Grenzen. Leonardo da Vincis ‚Dame mit dem Hermelin‘ lässt eine Frage offen.

K

ein zweiter Künstler hat Subtilität und Vieldeutigkeit im Ausdruck des menschlichen Gesichts so virtuos inszeniert wie Leonardo da Vinci. Bekannt ist vor allem das rätselhafte Lächeln seiner Mona Lisa, doch auch in anderen Werken faszinieren die dargestellten Menschen durch die tiefgründige Inspiration, die sich in ihren Gesichtern spiegelt und die sich unmittelbar auf den Betrachter überträgt. In Leonardo da Vincis ‚Dame mit dem Hermelin‘ zeitigt diese Kunst ein paradoxes Ergebnis: Das Interessanteste an diesem Bild ist, was es nicht darstellt.

leonardo-da-vinci-dame-mit-dem-hermelin Die Fakten zu Leonardo da Vincis ‚Dame mit dem Hermelin‘ sind schnell referiert: Portraitiert ist die siebzehnjährige Cecilia Gallerani, Geliebte des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza. Das Hermelin im Winterpelz ist nicht nur Symbol der Reinheit und Unschuld, sondern auch Wappentier Ludovicos; zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes war Cecilia schwanger, so dass dem Hermelin auch in dieser Hinsicht symbolische Bedeutung zukommt. Spätere Retuschen verdunkelten den Hintergrund völlig und gaben dem ursprünglich durchsichtigen Haarnetz Cecilias eine dunkelbraune Farbe, so dass es nun den Anschein hat, als ob ihr Haar bis unter ihr Kinn reiche.

Bemerkenswert ist an Leonardo da Vincis ‚Dame mit dem Hermelin‘ die Anmut nicht nur ihrer Haltung, sondern auch ihrer rechten Hand, die das Tier hält und ihm durchs täuschend echt gemalte Fell fährt. Das Hermelin — Symbol für Ludovicos noch ungeborenen Sohn Cesare — schaut fest und bestimmt, beinahe staatsmännisch, auch die exakt wiedergegebenen Muskeln seines Beins geben seiner Pose etwas Kraftvolles, geradezu Respektheischendes. Das eigentlich Ergreifende an da Vincis ‚Dame mit dem Hermelin‘ ist jedoch sehr viel schwerer zu benennen. Weder Cecilia noch das Hermelin schauen den Betrachter an, ihr Blick geht auf einen Punkt rechts des Bildes. Und was auch immer es ist, das sie anschauen, durch den beseelten, wissenden Ausdruck, den dieses Etwas auf Cecilias Gesicht hinterlässt, brennt der Betrachter geradezu darauf, es ebenfalls in den Blick zu nehmen.

Natürlich wissen wir nicht und werden nie wissen, was den ebenso verstehenden wie fragenden Blick auf das Antlitz von Leonardo da Vincis ‚Dame mit dem Hermelin‘ zaubert. Und wie es sein Licht auf Cecilia wirft, die gleichzeitig flächig von rechts und wie von einem auf das Hermelin und ihre rechte Hand gerichteten Punktstrahler von links oben erhellt scheint. Doch wie auch in den anderen Gemälden Leonardo da Vincis lässt uns das Rätsel im Antlitz der Dargestellten nicht bedrückt oder ratlos zurück, sondern erhoben und inspiriert. Das Rätsel von Leonardos Mona Lisa, seines Johannes oder auch der Cecilia ist keine Herausforderung an Faktenforscher und Kunsthistoriker, sondern an den Betrachter als Menschen — und sein Vermögen, an ein Wunder zu glauben, wenn er es vor der Nase hat. Der Mensch als solches ist ein Rätsel, das hat nie auch nur ein einziger Naturwissenschaftler oder Philosoph in Frage gestellt — und die zahllosen Antworten auf dieses Rätsel füllen die Bibliotheken dieser Welt. Leonardo da Vincis Umgang mit diesem Rätsel ist ein anderer: Er beantwortet es nicht, erledigt oder beseitigt es. Er bringt es zum Leuchten. Im Antlitz seiner Cecilia schimmert dieses Rätsel — und seine Schönheit fasziniert den Betrachter, exaltiert ihn beinahe. Dieses eine, letzte Rätsel hat nichts zu tun mit Jahreszahlen und Symbolik, mit der Jagd nach Wissen, mit Suchen und Finden. Was ist der Mensch? In seiner ‚Dame mit dem Hermelin‘ lässt Leonardo da Vinci einmal mehr Frage und Antwort in eins fallen. Nur wer staunt, hat verstanden.

Aldus



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