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Fenster zur Unendlichkeit. Claude Monets ‚Seerosen‘ machen die sichtbare Welt zu einer Frage der Interpretation.

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ein gesamtes Künstlerleben hindurch hat sich Claude Monet mit den Möglichkeiten der Wirkung von Form und Farbe auseinandergesetzt. Im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stand hierbei der letzte Abschnitt im Rezeptionsprozess eines Kunstwerks: das, was vom menschlichen Seh- und Vorstellungsvermögen den reinen Bildinformationen an Deutung schon hinzufügt wird, bevor der Betrachter überhaupt bemerkt, dass er etwas sieht. Die heutige Neurowissenschaft weiß, dass jeder übermittelte Bildeindruck vom Sehzentrum bereits mit vielfältigsten Informationen angereichert ist, abhängig unter anderem von dem, was der Betrachter in der Vergangenheit sah und dem, was er zu sehen hofft. So ist es möglich, dass noch die abstrakteste Verfremdung einer Form oft unmittelbar und ohne langes Nachdenken als das erkannt wird, was sie ist. Sehen heißt also immer schon interpretieren.

claude-monet-seerosen Der Arbeit dieser deutenden Instanz im menschlichen Gehirn hat Claude Monet mit der Zeit mehr und mehr vertraut. Waren Monets frühe Werke oft noch im realistischen Stil gehalten, so entstanden seit dem Ende der 1860er Jahre Gemälde, die in ihrer stimmungsvollen Verfremdung dem Impressionismus zugerechnet werden müssen. Auch die Reihe von Claude Monets ‚Seerosen‘, die seit der Jahrhundertwende entstand, ist zunächst dieser Stilrichtung zuzuordnen. Doch mit zunehmendem Alter betrieb der Künstler in immer stärkerem Maße eine Auflösung von Formen und Farben, bis hin zur Abstraktion.

Die frühen unter Monets ‚Seerosen‘ (‚Nymphéas‘) sind nicht anders denn als Landschaftsgemälde anzusprechen. Wie auch andere Teile seines Gartens in Giverny — etwa einen Weg oder die japanische Brücke — malte Monet den von ihm angelegten Seerosenteich. Zunächst ist oft ein größerer Teil des Ufers zu erkennen, auch Bäume oder andere Pflanzen am Rand des Teichs und ihre Spiegelungen in der Wasseroberfläche. „Reflexlandschaften“ nannte Monet selbst diese Werke. Doch mit der Zeit wählte Monet einen immer engeren Ausschnitt und nahm sich immer größere Freiheiten in der Wiedergabe des Vorbilds, das Gegenständliche löst sich in grobe Pinselstriche auf, die Farben weichen vom Original ab. Mehr und mehr entstanden Monets ‚Seerosen‘ auch nicht mehr vor Ort, sondern im Atelier, die Formate wurden mit der Zeit größer, bis hin zu einer Abmessung von 2 x 6 Metern.

claude-monet-seerosen-2 In den späten Ausführungen betreiben Claude Monets ‚Seerosen‘ nicht weniger als eine Emanzipation von Form und Farbe. Das Dingliche ist zwar noch zu erahnen, es tritt jedoch zurück hinter ein berückendes Geflecht aus farbigen Pinselstrichen. Geschickt nutzt Monet hierbei eine distinkte Tiefenwirkung, die sich aus den horizontal gelagerten Blättern der Seerosen und den vertikalen Pflanzenteilen ergibt. So bleibt die Wirkung der Gemälde nicht auf die Oberfläche beschränkt, es öffnet sich vielmehr ein dreidimensionaler Bildraum, der den Betrachter in eine ganze Welt aus Farbe entlässt. Wurde den Impressionisten von Kritikern ihrer Zeit oft „Oberflächlichkeit“ vorgeworfen, so demonstrieren Monets ‚Seerosen‘ auf eindrucksvolle Weise, wie eine Oberfläche zum Startpunkt einer prinzipiell unbegrenzten Reise werden kann. Ist dieses Fleckchen Blau noch Wasser oder schon Himmel? Monets späte ‚Seerosen‘ flirren in ihrer Farbenpracht zwischen dem Hier und der Unendlichkeit, sie spielen mit den Sehgewohnheiten des Menschen und zeigen ihm die wahre Natur der sichtbaren Welt: ein Meer aus Form und Farbe mit unbegrenzter Möglichkeit der Interpretation. Natürlich tut man gut daran, im Alltag alles sauber zu verorten. Doch wer möchte, dem liegt der Himmel zu Füßen, und die Unendlichkeit, daran lassen Monets ‚Seerosen‘ keinen Zweifel, beginnt allemal vor der eigenen Nasenspitze.

-aldus



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