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Auf dem Weg zur Natur. Claude Monets ‚In der Blumenwiese‘ sucht Nähe ohne Herablassung.

D

er Künstler ist berühmt für seine sittsam durch die Landschaft staksenden Großstädterinnen, denen bei aller Naturliebe doch stets ein wenig bang um die Unversehrtheit ihrer aufwendigen Kleider zu sein scheint. Claude Monets ‚In der Blumenwiese‘ (französisch ‚Dans la Prairie‘) scheint dagegen zur Abwechslung mit der Naturnähe einmal wirklich ernst zu machen. Um Grasflecken auf ihrem weißen Kleid ganz offensichtlich unbesorgt hat sich eine vornehm gekleidete junge Dame inmitten einer dichten Blumenwiese niedergelassen, ein Buch auf den Knien, der in anderen Bildern zierlich gereckte Sonnenschirm ist achtlos beiseite gelegt.

claude-monet-in-der-blumenwiese Was Claude Monets ‚Blumenwiese‘ zu einem glaubhaften Dokument ernsthafter Naturverbundenheit werden lässt, ist vor allem die Beiläufigkeit, mit der die junge Dame sich inmitten des hohen Grases ausgestreckt hat. Ihr Gesichtsausdruck ist nicht der einer künstlich animierten Großstädterin, die möglichst aktiv ihre Ration „Natur“ aufnimmt, bevor sie für die restliche Woche wieder in der lärmenden Stadt verschwindet — sie scheint auf die Lektüre konzentriert, ihre Züge sind nicht genießerisch, sondern ernst und sachlich. Auch ist die Blumenwiese tatsächlich eine Wiese und nicht etwa ein mit Gänseblümchen gesprenkelter Rasen: Gras und Blumen reichen der Liegenden über den Kopf, läge sie nicht an einem Hang, es wäre kaum etwas von ihr zu sehen.

Auch der Maler selbst hat sich bemüht, die Natur ohne jede Süßlichkeit und Verklärung wahrzunehmen: Mit starken, fast groben Strichen sind Grashalme und Blumen wiedergegeben, im Grün überwiegt kein milder, sondern ein robuster, dunkler, beinahe schmutzig wirkender Ton. Nur Brust und Kopf der jungen Dame ragen über die Wiese, der Rest ihres Körpers verschwindet beinahe im Gestrüpp; die Blumen im Kopfschmuck wirken wie eine Fortsetzung der Wiese und verwischen die Gestalt der Lesenden zusätzlich.

Es wäre übertrieben, in Monets ‚Blumenwiese‘ die Vision einer an Selbstauflösung grenzenden, geradezu metaphysischen Verschmelzung des Ich mit der Natur zu sehen. Doch über die Ehrenrettung der sonst eher pikiert wirkenden Großstädterinnen Monets hinaus ist das Gemälde allemal eine charmante Vermittlung zwischen den beiden sich sonst so schroff gegenüberstehenden Polen Stadt und Land: Nichts, was die Natur dem Städter nicht verziehe. Er muss sich nur zu ihr herablassen.

Aldus



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