claude-monet-impression-sonnenaufgang-thumb

Am Scheideweg der Kunstgeschichte. Claude Monets ‚Impression, Sonnenaufgang‘ verzichtet und gewinnt.

D

ieses Bild ist eine Frechheit. Während die zeitgenössische Malerei mit immer raffinierteren Methoden ihre Wirklichkeitstreue bis in den Fotorealismus steigerte, wirkt Claude Monets ‚Impression, Sonnenaufgang‘ wie eine nebenbei hingeworfene Skizze in Öl. Die Pinselstriche sind flüchtig und rasch gesetzt, außer dem Rund der Sonne ist kaum eine Form klar definiert. Die Boote des Vorder- und Mittelgrundes sind nur einige Farbtupfer, die Masten der großen Schiffe im Hintergrund sind so abstrakt aufgefasst, dass sie beinahe wie fernöstliche Schriftzeichen anmuten. Eine Tiefenwirkung wird eigentlich nur durch die vom Nebel verstärkte Luftperspektive erzeugt, die mit wachsender Entfernung die Dinge immer mehr mit dem Grau des Horizonts verschwimmen lässt. Ein technisch penibler, mit der Lupe arbeitender Künstler mag ein solches Bild also durchaus als eine Unverschämtheit empfunden haben — manch alter Meister arbeitete schließlich Monate und Jahre an einem einzigen Bild. Monets ‚Impression, Sonnenaufgang‘ dagegen wirkt, als sei keine Stunde über seiner Fertigstellung vergangen. Das mag auch sein, doch wieviel Charme liegt in seiner Unmittelbarkeit und wieviel Treffsicherheit in seinen flüchtigen Strichen.

claude-monet-impression-sonnenaufgang Claude Monets ‚Impression, Sonnenaufgang‘ gelingt es, die Atmosphäre eines nebligen Morgens am Meer auf beeindruckende Weise wiederzugeben, die Effizienz der Mittel ist dabei bewundernswert: Der Nebeldunst über dem Hafen, das komplexe Farbenspiel des Himmels, die Spiegelungen von Sonne und Wolken im Wasser — all das ist in seinem innersten Wesen so richtig erfasst und mit wenigen Pinselstrichen so zwingend wiedergegeben, dass keine noch so hochauflösende Fotographie es präziser darstellen könnte.

Gemeinsam mit Werken von Pissarro, Renoir, Degas und anderen wurde Monets ‚Impression, Sonnenaufgang‘ in einem „Gegensalon“ des Frühjahrs 1874 ausgestellt (derlei Werke hatten im etablierten Pariser Salon für gewöhnlich keine Chance), und die Kritik reagierte prompt. Sie sprach von „Schmierereien“, man könne nicht erkennen, was dargestellt sei, zu Monets Gemälde bemerkte ein Kritiker, eine rohe Tapete sei raffinierter gestaltet als dieses Bild. ‚Ansicht von Le Havre‘ wollte Monet sein wenig detailgetreues Werk nicht nennen und so gab er ihm den Titel ‚Impression‘ — eine folgenreiche Entscheidung. Denn die Kritiker griffen den Ausdruck begierig auf, nannten die ganze Ausstellung abschätzig „Exposition des Impressionistes“, und kürten so den Namen einer ganzen Stilrichtung der bildenden Kunst. Und während die von der zeitgenössischen Kritik gefeierten Werke des arroganten Pariser Salons in ihrer Oberflächlichkeit heute oft als „Salonschinken“ abgetan werden, haben viele Gemälde des anfangs geschmähten Impressionismus den Lauf der Zeit überdauert.

Ist Claude Monets ‚Impression, Sonnenaufgang‘ auch nicht das erste Gemälde, dem das Beiwort „impressionistisch“ gebührt, so vereint es in sich doch die wichtigsten Merkmale dieser Stilrichtung. Vor allem unterschied es ein für allemal zwischen Abbildung und Eindruck, erhebt es keinen Wahrheitsanspruch, sondern bietet eine Auffassung, ein Gefühl, in all seiner Angreifbarkeit. Der Künstler versteckt sich nicht hinter seinem Motiv, sondern wird in der Individualität seiner Wahrnehmung Teil des Kunstwerks. Die gute altmeisterliche Technik mag die Malerei seit diesen Tagen zum Teufel geschickt haben. Doch dafür hat sie ihre Seele behalten.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar