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Wenn die Landschaft selbst zum Pinsel greift. Claude Monets ‚Bordighera‘ ist genauer als jede Fotographie.

D

as erste Ziel des Deutschen, kaum dass er in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sein Auto bekam, war Italien. Doch schon im 19. Jahrhundert war das Mittelmeer Sehnsuchtsziel des deutschen Michels, der in seinen gemäßigten Breiten weder von Sonne noch Schnee zuviel oder genug hat. Es dürfte schwer festzustellen sein, was neben den wohlmeinenden klimatischen Bedingungen diese bis in die heutigen Zeiten andauernde Begeisterung auslöste, eines dürfte dabei aber auf jeden Fall eine bedeutende Rolle spielen: das Licht des Südens. Unendlich viel ist über dieses Licht geschrieben worden, doch man muss es selbst erlebt haben — oder man behilft sich mit einem Bild wie Claude Monets ‚Bordighera‘.

claude-monet-bordighera Monets ‚Bordighera‘ ist eines aus einer Reihe von Gemälden, in denen der Künstler Eindrücke seines Italien-Aufenthalts im Jahr 1884 verarbeitete. Es zeigt einen Blick von bewaldeten Hängen hinab auf das Hafenstädtchen Bordighera, an der Italienischen Riviera wenige Kilometer von der Grenze zu Frankreich gelegen. Und eines lässt sich von diesem Bild lernen: Das Licht des Südens hat keinen bestimmten Farbton — in diesem Gemälde ist es überall zu finden: Gleißend weiß auf den Stämmen der Bäume, als blauer Dunst in ihren Kronen und im Bewuchs der entfernteren Hänge, im Unterholz setzt es kraftvoll farbige Akzente. Türkis glänzt dieses Licht über dem Horizont, warm auf den Mauern der Stadt — und selbst im schwärzesten Schatten scheint noch ein Rest von seinem Glühen spürbar zu bleiben.

An Claude Monets ‚Bordighera‘ lässt sich studieren, dass es im Licht des Südens nicht um bestimmte Farben, sondern um ihre Art geht, um ihre Konsistenz geradezu. Monets Gemälde evoziert auf eindrückliche Weise deren intensive, warme, fast handgreifliche Beschaffenheit. So wie man bei einem Besuch an der Mittelmeerküste den Eindruck gewinnen kann, die Farben beinahe mit der Atemluft aufzunehmen, so wirkt Monets ‚Bordighera‘, als sei es entstanden, als der Maler einfach eine leere Leinwand einen Nachmittag lang auf einem Hang oberhalb des Städtchen stehenließ. Der Süden malt seine Farben mit mehr als nur Licht. Wer sie einmal sah und einatmete, wird sie sein Leben lang nicht mehr los.

Aldus



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