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aldus- In den Hafenansichten Claude Lorrains existiert die Welt in all ihrer Pracht nur zu einem einzigen Zweck: Die höhere Wahrheit des Lichts sichtbar zu machen.

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as Schaffen Claude Lorrains (1600–1682) ist ungeheuer vielgestaltig, doch Unsterblichkeit hat er durch ein einziges Bild erlangt, das er wieder und wieder malte: Ein Hafen, von idealer Architektur gerahmt, im Licht einer auf- oder untergehenden Sonne. Diese Bilder heißen ‚Seehafen’, ‚Hafen mit dem Capitol’, ‚Hafen bei untergehender Sonne’; sie zeigen Namenlose, Odysseus oder die Heilige Ursula, doch es ist letztlich immer derselbe Hafen und alle Dargestellten, seien sie noch so berühmt oder hochrangig, sind nur Statisten — der wahre Herrscher über diese Bilder ist nur einer: das Licht.

claude-lorrain-hafen Auch im ‚Hafen mit der Einschiffung der Königin von Saba’ aus dem Jahr 1648 geht es allein um das Licht, alles andere ist nur Staffage. Der Palast der Königin von Saba, die Ruine im Vordergrund, die Befestigungen des Hafens, die geschäftigen Seeleute — sie alle dienen nur dazu, das Licht in allen seinen Erscheinungsformen zur Geltung zu bringen: Es liegt mild auf den Fassaden der Gebäude, funkelt lebhaft auf den Wellenkämmen, ist farbiger Dunst in der diesigen Ferne, glänzt als heller Streif auf der gerade verladenen Truhe und leuchtet schließlich als Sonne im Zentrum des Bildes in einer beinahe unwirklichen Intensität. In der liegenden Figur links unten scheint Claude Lorrain die Reaktion des Betrachters vorweggenommen zu haben: Geblendet beschattet sie die Augen mit der Hand. Auch die Fahnen der Schiffe tragen keine erkennbaren Hoheitszeichen: Einfarbig himmelblau, gelb, ein leuchtendes Orange — sie alle weisen auf kein anderes Land als das Königreich des Lichts.

Schon unter seinen Zeitgenossen war Claude Lorrains Ruf einzigartig, Fürsten, Könige und Päpste begehrten Werke von seiner Hand. Der Grabspruch beschreibt in aller Einfachheit das Wunder der Begabung dieses Malers: „Claude Gellée Lorrain, aus Chamagne gebürtig, dem hervorragenden Maler, der die Strahlen der auf- und untergehenden Sonne in der Landschaft auf bewundernswerte Weise malte.“

Und doch beruht der bleibende Zauber der Gemälde Claude Lorrains auf mehr als nur stupender technischer Virtuosität. Die lichtdurchfluteten Ansichten seiner Häfen durchwirkt ebenso wie sein übriges Werk eine unbestechlich optimistische Atmosphäre, eine friedliebende Menschenfreundlichkeit, für die sein später Verehrer John Constable den einzig richtigen Ausdruck fand: „the calm sunshine of the heart“.

-aldus



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