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Wo die Berge keine Namen haben. Caspar David Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ ergreift Besitz vom mächtigsten aller Reiche.

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ie kommt ein Mann in Stadtkleidung mit Gehstock auf den felsigen Gipfel eines Mittelgebirges? Wenn man nicht davon ausgehen möchte, dass er von einem Helikopter dort abgesetzt wurde, ist die Folgerung klar: Caspar David Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ ist kein Landschafts-, sondern ein Seelengemälde. Natürlich ist hier das Elbsandsteingebirge zu erkennen, alle Gebirgsformationen konnten in sorgfältiger Analyse weit verstreuten Vorbildern zugeordnet werden — doch was ist mit einer solchen akribischen Deutung gewonnen? Caspar David Friedrich ging es ganz offenkundig nicht darum, die Schönheit des Elbsandsteingebirges allgemein oder eines bestimmten Aussichtspunktes im besonderen auf die Leinwand zu bannen. Er hätte sonst wohl auch kaum den Mittelteil des Gemäldes mit einer Rückenfigur bedeckt.

caspar-david-friedrich-wanderer-ueber-dem-nebelmeer Welchen Seelenzustand also sucht Caspar David Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ zu vermitteln? Der erste Eindruck ist der von Einsamkeit und Verlorenheit. Eine zerrissene Nebeldecke wird von schroffen Felsen durchbrochen, einige Bäume krallen sich ins bloße Gestein. Den Hintergrund bilden kahle Hänge und Kuppen, rechts ragt ein nacktes Felsmassiv empor. Die Landschaft geht nahtlos in einen von zahllosen Wolkenschichten durchzogenen, am Horizont kaltweißen Himmel über; die Haare des Wanderers werden von einem scharfen Wind gezaust. Und doch vermittelt der weitschweifende Blick über die Landschaft auch ein Gefühl von Freiheit und eignet dem Wanderer bei aller unübersehbaren Einsamkeit ein subtiler Stolz: Von den Figuren zahlreicher anderer Gemälde des Künstlers abweichend ist er keine Randerscheinung, die als Winzling aus Farbtupfern vom Rahmen her die Majestät der Natur anschmachtet. Er ist prominent mittig plaziert, die Rechte mit dem Gehstock forsch in die Seite gestemmt, der linke Fuß ruht auf dem Fels, als würde er Besitz von ihm ergreifen. Selbstbewusst blickt Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ herab auf die Landschaft, die sein Inneres bedeutet. Eine rauhe, zerklüftete Landschaft, kaum jemand dürfte ein Bedürfnis verspüren, ihm dorthin zu folgen, doch scheint sie sein ureigenster Besitz zu sein. Das Reich des eigenen Inneren — auch wenn es aus Verzweiflung und Einsamkeit besteht — ist ein Königreich, und es will erobert sein. Mögen andere in ihren mit Kompromissen und Eingeständnissen komfortabel möblierten, gegen die Ängste der modernen Existenz sorgfältig abgedichteten Mietwohnungen glücklich sein. Caspar David Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ stellt sich der kahlen Landschaft seines Innern. Und macht Lust auf das größte aller Abenteuer: der Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst.

-aldus



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