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Wichtiger als Spitzbögen. Caspar David Friedrichs ‚Ruine Eldena‘ setzt die Prioritäten richtig.

W

er vom Unbehagen an der eigenen Zeit erfüllt ist, findet einen Verbündeten in der Ruine. Die Überreste des antiken Roms etwa wurden mit ihrer Wiederentdeckung im Laufe des 18. Jahrhunderts nicht gegen Hochmut und Dekadenz des römischen Imperiums gewendet, sondern vor allem unmittelbar gegen die eigene Epoche. Hier nahm man, selbst noch in kümmerlichsten Überresten, die Größe eines Zeitalters wahr, vor dem das eigene schlicht kläglich anmuten musste. Nicht die Bauwerke hatten vor den Anforderungen der Zeit versagt — die eigene Zeit versagte vor diesen Bauwerken. Auch in Caspar David Friedrichs ‚Ruine Eldena‘ ist noch etwas von diesem Kulturpessimismus zu spüren, er wird jedoch auf subtile Weise von Ansätzen überlagert, die mit der traditionellen Ruinenromantik wenig zu tun haben.

caspar-david-friedrich-ruine-eldena Caspar David Friedrichs ‚Ruine Eldena‘ zeigt Reste des ehemaligen Zisterzienserklosters im heutigen Greifswalder Ortsteil Eldena. In schwindelerregende Höhe streben Teile des ehemaligen Hauptschiffs der Klosterkirche, umwuchert von dichtem Gestrüpp und knorrigen Baumriesen. Wie schutzsuchend schmiegt sich ein Backhaus an die Kirchenwände, der rauchende Schornstein und der Mann in Bäckerkluft vor ihm zeigen, dass es noch in Gebrauch ist. Auf den ersten Blick wird dieses bescheidene Bauwerk erniedrigt von den gewaltig sich aufschwingenden Spitzbögen der Klosterruine, tatsächlich sind beide gleichermaßen Teil des übergreifenden Prozesses, um den es hier eigentlich geht: das Leben. In saftigstem Grün erstrahlt das Gras auf dem ehemaligen Kirchenboden, nicht nur das Backhaus, auch auch die Natur hat sich neben und selbst auf den alten Mauern breitgemacht. Es liegt eine harmonische, beinahe behagliche Stimmung über dem so ungleichen Ensemble.

Nicht die Vergangenheit und ihre angebliche Größe, nicht hochfliegende Zukunftspläne oder das Urteil der Zeitgenossen — es ist das Leben und das Leben allein, das immer recht hat. Caspar David Friedrichs ‚Ruine Eldena‘ zeigt bewundernd die Errungenschaften einer früheren Epoche, doch der Künstler bricht deshalb nicht den Stab über seiner Zeit, im Gegenteil: Wie segnend lässt er über dem Kopf des Bäckers das Gold eines jungen Baumes erstrahlen.

Aldus



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