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Vergeblichkeits-Schmachtfetzen oder subtiles Spiel? Caspar David Friedrichs ‚Eismeer‘ ist nichts für Kunstkniffler.

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acht es sich dieses Bild nicht ein wenig einfach? Türmt riesenhafte Eisschollen auf ein zerschmettertes Schiff, umgibt das Ganze mit einer arktischen Wüste — und fertig ist die Vergeblichkeit allen Seins? Die meisten Interpretationen jedenfalls geben sich mit dieser Sicht zufrieden, fügen vielleicht noch ein wenig biographisches Stochern hinzu, das einen angeblich nachlassenden „künstlerischen Erfolg“ des Malers zum Vorschein bringt — das genügt: Bild geknackt, Akte geschlossen. Eine solche Kunstkniffelei, die von einer in das Gemälde gewissermaßen hineinkodierten, eindeutigen „Botschaft“ ausgeht, hat noch nie einem Bild Gerechtigkeit widerfahren lassen, Caspar David Friedrichs ‚Eismeer‘ macht da keine Ausnahme.

caspar-david-friedrich-eismeer Natürlich hat Caspar David Friedrichs ‚Eismeer‘ das Scheitern zum Gegenstand — Scheitern, das so unbedingt ist wie der gewaltige Unterschied zwischen den dargestellten Eismassen und dem zerbrechlichen Schifflein, das sie begraben. Doch ist das wirklich das letzte Wort des Gemäldes? Einzelne Deutungen haben auf die helle Himmelsformation in der oberen Bildmitte verwiesen und festgestellt, dass die zentralen Eisschollen in gewisser Weise darauf zu zeigen scheinen. Eine solche Jenseitshoffnung ist auch in anderen Bildern Friedrichs zum Ausdruck gebracht, doch ist sie wie auch dort nur ein Aspekt des Bildes. Denn ein Künstler, der wie Caspar David Friedrich in der Pracht der irdischen Welt schwelgte, wird kaum gleichzeitig den Stab über sie brechen, sie denunzieren, um im Zurücklassen dieser Welt das alleinige Ziel unseres Daseins festzumachen. Und warum sollte er sich in immer neuen Variationen dieser Welt stellen, wenn sie für ihn nur eine Durchgangsstation wäre, nur etwas, das uns von den himmlischen Herrlichkeiten des Jenseits trennt?

Und so hinterlässt Caspar David Friedrichs ‚Eismeer‘ den Betrachter auch nicht verzweifelt oder nach jenseitiger Erlösung dürstend. Die lebensfeindliche Eiswüste übt mit ihren verstreuten gleichartigen Formationen vielmehr eine ruhige, tröstliche Faszination aus — in der Erkenntnis, dass man hier nur einen winzigen Ausschnitt einer schier unendlichen Landschaft des Scheiterns sieht, in der Beiläufigkeit, mit der das Schiff zerstört ist, und auch in der geradezu harmonischen Art, mit der sich seine Reste zwischen die Eisberge fügen. Unser Scheitern, diese Erkenntnis stellt sich beim Betrachten des Gemäldes ein, ist Teil von etwas Größerem. Wir verstehen sinnlos aufragende Eisformationen nicht, und wir verstehen auch dieses Größere nicht — wahrscheinlich kann man es nicht verstehen. Doch in Bildern wie Friedrichs ‚Eismeer‘ müssen wir für einen Augenblick seine Schönheit anerkennen.

-aldus



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