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Ein Gleichnis vom Reisen. Caspar David Friedrichs ‚Auf dem Segler‘ ermutigt zum Aufbruch.

E

ine Reise unterscheidet sich von einer Fahrt oder einem Ausflug nicht allein durch die zurückgelegte Entfernung, sondern vor allem durch etwas anderes: Ruhe. Die Möglichkeit, zu genießen, über Ausgangs- und Zielort zu reflektieren, die Umgebung und das Unterwegssein bewusst wahrnehmen zu können — ohne dafür die Bewegung unterbrechen zu müssen. Alles andere ist eine Flucht oder ein Angriff, aber keine Reise. Das Leben wahrscheinlich der allermeisten Menschen in den sogenannten „zivilisierten“ Teilen der Welt ist heute mehr eine Flucht oder ein Angriff als etwas anderes. Eine Flucht vor immer höheren Anforderungen von seiten des Arbeitgebers, ein Angriff auf geglaubte oder reale Möglichkeiten eines stetig wachsenden Einkommens oder der Selbststilisierung hin zum nächsten „Superstar“. Dabei könnte das Leben auch etwas anderes sein. Dieses andere ist das Thema von Caspar David Friedrichs ‚Auf dem Segler‘.

caspar-david-friedrich-auf-dem-segler Das Gemälde zeigt einen Mann und eine Frau am Bug eines mittelgroßen Segelschiffs. Die See ist ruhig, doch ein frischer Wind geht in die voll gesetzten Segel, strafft die Takelage und gibt dem Schiff eine leichte Krängung; am Horizont ist die Silhouette einer Stadt zu sehen. Das ganze Bild ist in einen beinahe unwirklich warmen Braunton getaucht. Caspar David Friedrichs ‚Auf dem Segler‘ ist nur auf den ersten Blick ein Seestück. Tatsächlich geht es dem Bild, wie so vielen anderen Werken des Künstlers, um einen Gemüts-, einen Seelenzustand. Das erklärt auch die „unrealistischen“ Aspekte des Gemäldes: Die Frau würde sich mit ihrem langen Kleid auf einem solchen kleinen Segler schwertun, die See ist seltsam ruhig und die Schemen der Stadt am Horizont lassen sich keinem realen Vorbild zuordnen. Doch diese Details haben mit einer treffenden Interpretation nur am Rande zu tun, denn sie helfen lediglich, den Gesamteindruck des Bildes zu vermitteln: Die Reise, von der Caspar David Friedrichs ‚Auf dem Segler‘ spricht, ist die Reise des Lebens, gemeinsam unternommen von zwei Menschen, die sich in Liebe zugetan sind. Es ist kein Viermaster, den sie lenken, aber auch keine wacklige Nussschale, der Wind treibt das Boot voran, bringt es aber nicht in Gefahr; am Horizont locken als Ziel die Türme einer Stadt, die für ein Leben nicht im Abseits, sondern inmitten der Geschäftigkeit anderer Menschen steht. Der warme Holzton der unteren Bildhälfte unterstreicht gemeinsam mit dem Braun des Himmels die zufriedene, optimistische und liebevolle Grundstimmung, in der diese Reise stattfindet. Die beiden haben sich ein gemeinsames Ziel vorgenommen und verfolgen es, während sie sich trotzdem ein Gefühl für die Gegenwart bewahren, für das Unterwegs und für das Miteinander.

Unser Chef mag uns sagen, dass sechzig Arbeitsstunden in der Woche normal sind, der Fernseher mag uns sagen, dass wir das Zeug zum nächsten Superstar haben. Beide lügen. Was genau die Wahrheit ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Doch was es auch ist, es muss etwas mit Caspar David Friedrichs ‚Auf dem Segler‘ zu tun haben.

-aldus



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